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Gottesfragen
Seht, das Lamm Gottes

Der Theologe Joachim Negel beantwortet Fragen unserer Leserinnen und Leser. Diesmal geht es um Grausamkeit und Schönheit der Schöpfung
von Joachim Negel vom 27.05.2022
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Unser Leser Paul Scherer fragte zusammen mit Birgit Strehler-Wurch: »Wie kann man den ›gütigen Schöpfergott‹ mit der blutrünstigen Tierwelt – Fressen und Gefressenwerden – in Überinstimmung bringen?«

Reinhold Schneider, der große Schriftsteller des »Renouveau Catholique«, hatte die Wintermonate 1957/58 in Wien verbracht. In dieser Zeit besuchte er oft das Naturhistorische Museum in der Nähe der Hofburg. In seinen Tagebuchnotizen, die unter dem Titel »Winter in Wien« nur wenige Wochen nach seinem Tod (am 6. April 1958) veröffentlicht wurden, spiegelt sich seine Erschütterung, die er beim Gang durchs Museum empfand: »Die Bewunderung der Zweckmäßigkeit, mit der ein Tier zur Vernichtung des anderen ausgestattet ist, grenzt an Verzweiflung. Die Raubwespe springt zwischen die aus der Erde ragenden furchtbaren Kieferzangen der in ihrem Loch steckenden Raublarve, lähmt die Beute durch einen Stich in den Hals, ohne sie zu töten, und legt in der lebenden Bruthöhle ihre Eier ab. Die Larven der Wespe nähren sich nur von frischem Fleisch.« So geht das seitenlang weiter, um schließlich mit den Worten zu enden: »Blickt man auf die Natur, dann ist Gott ebenso nahe wie fern.« Es sei unmöglich, ihn vor »dieser unübersehbaren Gestaltenwelt, dieser entsetzlichen Fülle der Erfindungen zu leugnen«. Was aber bedeutet es, von Gott zu reden, »vor der absurden Architektur des Dinosauriers – dieser Kathedrale der Sinnlosigkeit, des Lebenswillens, der nicht leben kann«? Schneider erinnert sich an den Oktopus, der im Hamburger Aquarium zur Erbauung der Besucher mit einer Riesenlanguste in ein Becken geworfen wurde: »Der Oktopus umschlang die Scheren des Gegners, zerbrach sie und saugte das Leben aus der Schale.« Diese Bilder setzt er in Kontrast zu Gott als dem gütigen Vater. »Und das Antlitz des Vaters? Das hat sich ganz verdunkelt; es ist die schreckliche Maske der Zerschmeißenden, des Keltertreters; ich kann eigentlich nicht ›Vater‹ sagen.«

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