Abgeschminkt
Unfug. Quatsch. Schabernack. Ein Witz, eher Gag, ein Späßchen. Aber Kunst? Beim Szenepublikum, das Sigmar Polkes Bild von 1969 zuerst zu sehen bekam, traf »Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!« indes genau den von antiautoritärer Frechheit und Experimentierfreude erregten Nerv der Zeit. Kitzel, der nach erledigter Empörung auch zu manchen derer übersprang, die Kunst für etwas sehr Ernstes halten: Eine Ecke ist dunkel ausgemalt, der Rest weiß, darunter in sacht unruhiger Schreibmaschinenschrift lapidar die Erklärung. Erheitertsein ist angesichts der bildlichen Prophezeiung, die sich zirkelschlüssig selbst erfüllt, kaum zu vermeiden. Wobei dieser Streich zugleich einen wuchtigen Axthieb gegen den Geniekult führt – dem zufolge Künstler zwar erratische, aber eben magisch ausgestattete Wesen seien und außerordentlicher Inspiration gegenüber besonders offen, woraus sie dann große Werke »schüfen«. Mittlergestalten, mit intimem Draht zu ebenjenen »höheren Wesen«.
Sie haben bereits ein
-Abo? Hier anmelden
Udo Feist, geboren 1963, ist evangelischer Theologe und freier Journalist in Dortmund.
