Pro und Contra
Die Bundeswehr zu Gast im Unterricht?
Heinz-Peter Meidinger
Was in der Welt sollte uns dazu bringen, unsere im Grundgesetz verankerte Parlamentsarmee, die den Kernauftrag hat, die Sicherheit und Souveränität Deutschlands zu gewährleisten, aus Schulen fernzuhalten? Und das in Zeiten eines Ukrainekriegs, der überdeutlich zeigt, dass Freiheit und Demokratie ohne Verteidigungsarmee nicht zu schützen sind! Gegner von Bundeswehrbesuchen an Schulen arbeiten gern mit dem Militarismusbegriff und ziehen eine historische Linie von der Reichswehr über die Wehrmacht zur Bundeswehr. Die Bundeswehr ist aber eine durch Grundgesetz legitimierte demokratische Institution, die einen klaren Verfassungsauftrag hat und einer strikten parlamentarischen Kontrolle unterliegt. Das von Gegnern gerne bemühte Narrativ, die Friedensbewegung sei für den Frieden zuständig und die Bundeswehr fürs Töten, ist so polemisch wie falsch.
Aus eigener Erfahrung als Politiklehrkraft und Schulleiter weiß ich, welche Bereicherung es ist, wenn im Politikunterricht Jugendoffiziere als Experten über die Rolle der Bundeswehr, aber auch über Erfahrungen bei Auslandseinsätzen berichten. Es gibt nicht zuletzt wegen des Ukrainekriegs ein stark gestiegenes Informationsbedürfnis. Das zeigt die hohe Nachfrage, der die knapp 100 Jugendoffiziere kaum nachkommen können.
Selbstverständlich darf und muss darüber im Unterricht auch streitig diskutiert werden können. Die Unterrichtsführung selbst bleibt ja in der Hand der verantwortlichen Lehrkraft. Und natürlich können Schulen auch Friedensinitiativen in den Unterricht einladen. Dass aber jeder Besuch eines Jugendoffiziers durch die gleichzeitige Präsenz eines Friedensaktivisten ausgeglichen werden muss, ist eine schiefe Vorstellung von Ausgewogenheit. Übrigens: Information über Berufslaufbahnen und damit indirekte Werbung für die Bundeswehr gehört nicht in den Unterricht. Dafür gibt es Berufsinformationsveranstaltungen außerhalb des Unterrichts, deren Besuch freiwillig ist. Dass allerdings Bundesländer wie Baden-Württemberg der Bundeswehr im Gegensatz etwa zur Polizei die Teilnahme an solchen Infoveranstaltungen untersagen, halte ich für eine skandalöse Diskriminierung.
Vor Kurzem hat jemand zu mir gesagt, man dürfe Schüler durch den Auftritt uniformierter Soldaten an Schulen nicht ängstigen und verschrecken. Angst und Schrecken bei Kindern und auch Erwachsenen verbreiten eher die täglichen Bilder des Ukrainekriegs. Das Wissen dagegen, dass es eine Institution gibt, deren Kernauftrag es ist, uns alle gegen Angriffskriege zu schützen, ist der beste Weg, um Ängste abzubauen.
Martina Schmerr
Kinder und Jugendliche haben seit dem Ukrainekrieg vermehrt Fragen zu den Ursachen von Krieg und Gewalt. Natürlich sollte darüber im Unterricht gesprochen werden. Politische Bildung gehört aber in die Hände der dafür ausgebildeten Lehrkräfte und muss ausgewogen sein. Wenn Jugendoffiziere in den Unterricht kommen, ist die Ausgewogenheit nicht gegeben, nicht zuletzt, weil sie strikt auf der Basis der Militärdoktrin der jeweils aktuellen Regierung agieren. Die Kooperationsvereinbarungen, die neun von sechzehn Bundesländern mit der Bundeswehr abgeschlossen haben und die den Jugendoffizieren einen privilegierten Zugang zur Politischen Bildung und zur Lehrkräfteausbildung bieten, lehnt die GEW daher ab.
Was in Politik, Wissenschaft und Gesellschaft kontrovers diskutiert wird, muss auch im Unterricht kontrovers dargestellt werden. Wir haben die Sorge – und vielfach aus der Praxis gehört, dass die Jugendoffiziere zum Beispiel nicht multiperspektivisch genug vermitteln, wie umstritten und fragwürdig Auslandseinsätze sind.
Damit sich die Jugendlichen ein Urteil bilden können, müssten aber auch verfassungs- und völkerrechtliche Kontroversen sowie friedliche, gewaltfreie Alternativen thematisiert werden. »Das kann doch die Lehrkraft machen«, heißt es. In vielen Fällen beschränkt sich die Beschäftigung mit dem Thema jedoch auf den Vortrag des uniformierten Bundeswehrsoldaten.
Eine weitere Gefahr besteht darin, dass die geschulten Jugendoffiziere vor allem jüngere Menschen stark beeindrucken oder für eine Karriere bei der Bundeswehr begeistern können, ohne direkt Nachwuchswerbung zu betreiben. Die Schattenseiten des Soldatenberufs – nämlich, dass er sehr gefährlich, traumatisierend und unter Umständen tödlich sein kann – bleiben dabei jedoch unterbelichtet.
In den Schulgesetzen und Lehrplänen der Länder ist nur vereinzelt von »Sicherheitspolitik« und nirgends von der Vermittlung militärpolitischer Konzepte die Rede, wohl aber von einer »Erziehung zum Frieden« oder »Friedensliebe«. Bildung muss also die Voraussetzungen für Frieden ergründen und über Kriegsursachen, Kriegsideologien und Kriegsfolgen aufklären.
Tatsächlich ist es gerade jetzt an der Zeit, die Friedensbildung zu stärken und verbindlich in Lehrplänen und Fortbildung zu verankern. Dabei ist sie nicht nur als »Bildungsinhalt«, sondern auch als Philosophie und Kultur von Schule selbst zu verstehen. Friedensbildung kann nur erfolgreich sein, wenn sie vermittelt, wie Konflikte gewaltfrei bewältigt werden können. Und wenn die Schule, das Personal und die Rahmenbedingungen ein friedliches und auf Respekt und gemeinsame Werte gegründetes Lernen und Leben ermöglichen.
Heinz-Peter Meidinger ist Präsident des Deutschen Lehrerverbandes.
Martina Schmerr ist Referentin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.

