Geist & Sinn
Kein Zutritt für Dämonen
Magische Gemmen sind kostbare Steine aus der Antike, die Menschen helfen sollten, sich gegen widergöttliche Mächte zur Wehr zu setzen. Man nahm an, dass die Kombination aus einem heiligen Text und einem heiligen Bild Dämonen bannen konnte. Der hier abgebildete Stein aus grün-braunem Jaspis in Intagliotechnik befindet sich heute im Britischen Museum. Vermutlich stammt er aus Kleinasien, Syrien oder Palästina und wurde im zweiten, dritten oder vierten Jahrhundert angefertigt. Präzisere Angaben sind kaum möglich. Die vergrößerten Abbildungen täuschen, der Jaspis-Edelstein ist sehr klein, nur 30 mal 25 mal 6 Millimeter groß. Er zeigt einen vollkommen nackten bärtigen Mann mit fülligem Haar an einem T-förmigen Kreuz, dessen Handgelenke im Unterschied zu den allermeisten Darstellungen mit Schlaufen an das Kreuz gebunden und dessen Beine gespreizt sind. Die Füße hängen in der Luft, möglicherweise ruht der rechte Oberschenkel auf einem Stützbrett auf. Der Körper und seine Details sind kunstvoll in den Stein geschnitten. Von den Nägeln, die man (wie wir aus archäologischen Überresten wissen) verwendete, um Menschen an Kreuzen zu befestigen, sehen wir nichts. Auf der Vorder- und Rückseite der Gemme finden sich sorgfältig eingeritzte Buchstaben, die einen schwer verständlichen Text ergeben. Die wahrscheinlichste Lesung der Vorderseite lautet übersetzt: »O Sohn, Vater, o Jesus Christus, Sosoam, nōam, ōaōi, aeēiouō, o Hängung des erlösenden Sohnes«, die der Rückseite »Iōe eua euē … iò oui, du bist Iadētophōth Iesebtekē Emanauēl Astraperkmēph Meithō Armempe.« Vor allem an der Rückseite wird klar: Hier verwendeten Menschen die Sprache der Engel, die (geheimen) Namen der Engel und göttlichen Mächte, vor allem von Gott Vater und seinem Sohn, von dem sie Hilfe erwarteten. Wer solche Namen in seiner Tasche hatte, brauchte sich vor dämonischen Mächten nicht zu fürchten.
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Christoph Markschies ist Professor für Antikes Christentum an der Humboldt-Universität zu Berlin und Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

