Wie viel Religion verträgt die Kunst?
Der Obelisk ragt in den Kasseler Himmel, 16 Meter hoch. Mitten auf dem trubeligen Königsplatz, wo Straßenbahnen halten, Straßenkünstler performen, Menschen vor Cafés sitzen. In vier Sprachen die goldene Inschrift: »Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt.« Eine Gruppe junger Männer liest die Inschrift auf Arabisch. Was sie vermutlich nicht wissen: Diesen Satz sagt Jesus im Matthäusevangelium. Noch vor dreißig Jahren hätte das fast jeder Passant gewusst. Säkularisierung, religiöser und kultureller Pluralismus machen es nicht mehr selbstverständlich. Der Künstler Olu Oguibe, Sohn eines christlichen Predigers und aus Nigeria geflohen, hat ihn als Provokation für evangelikale Christen in den USA gedacht, die Grenzen schließen wollen. Er selber sei gar nicht religiös, sagt Oguibe.
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