Kolumne von Anne Lemhöfer
Einmal wie immer, bitte
Der Advent, der bald kommt, ist die Zeit der Nächstenliebe. Aber wer sind eigentlich meine Nächsten? Klar, mein Mann, meine Kinder, meine Freundinnen und Freunde, die Herkunftsfamilie. Aber je älter ich werde und je länger ich schon in meiner Stadt wohne, muss ich mir eingestehen: Da sind noch viel mehr Menschen, die mein Leben und meinen Alltag bereichern, und zwar teils schon länger als meine liebsten Lieblingskolleginnen. Vielleicht werde ich sentimental, das passiert mir immer, wenn Weihnachten in Rufweite kommt. Der Besitzer meines Stammkiosks, zum Beispiel, ist mit mir alt geworden, sozusagen. Ich kenne ihn länger als meine Freundin Jule, mit der ich noch im Morgengrauen aus Clubs gestolpert bin – nachdem wir den Rotwein zum Vorglühen natürlich bei Jacky gekauft haben, der bestimmt laut Perso anders heißt, woran sich im Frankfurter Osten aber niemand erinnern kann. Der Rotwein aus dem Regal, auf dem auch Chipsrollen und Zigarettenpäckchen standen, schmeckte nicht und war zu teuer. Aber früher war man zu bestimmten Uhrzeiten ja noch aufs Wasserhäuschen angewiesen, wie wir in Frankfurt sagen. Und dieser Umstand ließ unsere Beziehung wachsen. Bei Jacky kann ich im Grunde den Dialog schon vorher jedes Mal mitsprechen, seit meiner späten Studentenzeit geht das schon so. »Na, Miss, wie geht’s?«, wird Jacky fragen. Und wie immer wird mir diese joviale Begrüßung etwas unangenehm sein. Aber was will man machen? Wir haben seit fast 18 Jahren diese stille Übereinkunft: Er darf Miss zu mir sagen, ich kaufe donnerstags meine Wochenzeitung und ein paar saure Gummigurken für meine kleine Tochter (okay, und für mich auch). Wie er sich gefreut hat, als ich irgendwann mit einem Kinderwagen vorbeikam, das rührt mich noch heute. Er wurde etwa zur selben Zeit erstmals Opa.
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Anne Lemhöfer, geboren 1978, ist Redakteurin bei der Frankfurter Rundschau und freie Autorin. Sie lebt mit ihrer Familie in Frankfurt am Main. Die Kolumne schreibt sie im Wechsel mit Fabian Vogt und Peter Otten.

