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Was Menschen wirklich brauchen

»Wir sind glücklich, wenn wir einem Ruf antworten«, sagt der Soziologe Hartmut Rosa. Ein Gespräch über Beschleunigung, Kapitalismus, christliche Rituale und den Schnee im Schwarzwald.
von Eva-Maria Lerch , Michael Schrom vom 22.12.2017
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Publik-Forum: Herr Rosa, eigentlich sehnen wir uns im Advent nach Besinnung. Trotzdem rasen wir jetzt alle wieder wie wild durch die Gegend. Woran liegt das?

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 24/2017 vom 22.12.2017, Seite 44
Was Menschen wirklich brauchen
Was Menschen wirklich brauchen
Ein Gespräch mit dem Soziologen Hartmut Rosa über die Sehnsucht nach Resonanz
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Hartmut Rosa: Wir leben in einer Gesellschaft, die keine unterschiedlichen Zeiten mehr kennt. Die Leitidee lautet: Zeit ist eine knappe Ressource, die wir optimal nutzen müssen. Dieser Lebensmodus ebnet alle geprägten Zeiten ein, wir kennen fast keine Phasen der Ruhe mehr. Das merkt man nicht nur im Advent, sondern auch an der Erosion des Sonntags.

Warum ist das so?

Rosa: Wir glauben, dass wir als Gesellschaft unsere Strukturen nur erhalten können, wenn wir uns ständig steigern, optimieren, rationalisieren. Ich habe das mit dem Begriff der »dynamischen Stabilisierung« zu beschreiben versucht. Und das schlägt auch auf die Einzelnen durch: Um unseren Platz in der Gesellschaft zu halten, müssen wir sozusagen jedes Jahr schneller laufen. Ein konkreter Ausdruck sind unsere To-do-Listen, die immer länger werden und gerade vor Weihnachten häufig explodieren.

Schaffen Sie es denn, sich diesem Druck zu entziehen?

Rosa: Nein. Wir haben es mit einem strukturellen Problem zu tun, das man nicht individuell – etwa durch Gelassenheit oder besseres Zeitmanagement – lösen kann. Dennoch versuche ich im Advent zur Besinnung zu finden, etwa indem ich Orgel spiele. Die Zeit zwischen den Jahren verbringe ich regelmäßig zu Hause im Schwarzwald, der dann oft verschneit ist. Wenn der Schnee fällt, ändert das die Erfahrung von Zeit und den Modus des In-der-Welt-Seins. Das erlebe ich seit meiner Kindheit.

Gibt es neben solchen individuellen Auszeiten auch gesellschaftliche Lösungen?

Rosa: Am besten gelingt die Entschleunigung dort, wo es kollektive Zeiten gibt, in denen alle Menschen gleichzeitig von ihren Zwängen entlastet sind: Es fühlt sich anders an, am Sonntag in der Welt zu sein als am Montag. Auch die Zeit zwischen den Jahren ist so ein Beispiel. Da ist das alte Jahr schon bewältigt, und die Zwänge des neuen sind noch nicht so spürbar. Da entsteht eine Art Zwischenwelt, ein kollektiver Entlastungsraum. Aber das allein ist noch keine Lösung für das Strukturproblem.

Welches Strukturproblem?

Rosa: Wir produzieren mehr, wir konsumieren mehr, wir haben mehr Kontakte – aber weiterhin nur 365 Tage im Jahr. Also müssen wir den Mehrkonsum, die Mehrkontakte, die Mehroptionen in die gleiche Zeit hineinpacken. Das geschieht durch Verdichtung. Nur so kann der allgegenwärtige Zwang zur Steigerung auf allen Ebenen erfüllt werden. Dieser Zwang ist von Angst getrieben, der Angst, nicht mithalten zu können: Wer nicht zulegt, verschwindet vom Markt. Dieser Steigerungszwang wird uns ökologisch, psychisch und – wenn Sie so wollen – spirituell ruinieren. Also müssen wir da raus.

Und wie?

Rosa: Erstens strukturell. Eine Gesellschaft sollte nicht per se zum Wachstum gezwungen sein. Sondern nur, wenn es dafür sinnvolle Ziele gibt. Wenn wir zum Beispiel feststellen würden, dass wir Hunger haben, muss natürlich die Nahrungsmittelproduktion gesteigert werden. Aber ein Nahrungsmittelunternehmen muss nicht das Ziel »Wachstum« ausrufen, wenn es gar keinen Hunger und keine Knappheit gibt! Das ist pervers.

Wie könnte die Gesellschaft da herauskommen?

Rosa: Ich hänge trotz aller Widerstände an der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens. Das würde die existenzielle Angst aus dem Spiel nehmen. Zudem sollte man festlegen, dass die Bestverdienenden in einem Unternehmen nicht wie heute 400-mal mehr verdienen als die, die am schlechtesten verdienen, sondern höchstens 50-mal mehr. Auch die Vergabe von Krediten könnte man politisch steuern: Damit könnte man bestimmen, wohin Kapital fließt und wo es gute gesellschaftliche Gründe gibt, dass es dahin fließt. So eine Verstaatlichung des Banken- und Finanzwesens wäre sehr weitgehend, würde aber nicht die Konkurrenz- und Marktlogik außer Kraft setzen, auf die die Ökonomen so viel Wert legen.

Und zweitens?

Rosa: Zweitens brauchen wir eine andere Art der Weltbeziehung. Denn das gegenwärtig wirkende Prinzip der Verdinglichung, der Verfügbarmachung von Welt ist nicht nur schädlich, es macht uns auch unglücklich! Wir müssen feststellen, dass eine Sache, die wir uns komplett verfügbar gemacht haben, ihre Versprechensqualität nicht einlöst. Die Hoffnung besteht nicht darin, die Welt verfügbar zu machen, sondern darin, sie zum Sprechen zu bringen, in Resonanz mit ihr zu treten.

Das klingt fast religiös ...

Rosa: Menschen erfahren sich als glücklich, wenn sie einem Ruf antworten! Dieser Ruf muss nicht unbedingt religiös sein. Es ist ein menschliches Grundbedürfnis, sich anrufen und berühren zu lassen. Ich glaube, dass das Leben da gelingt, wo wir mit etwas Unverfügbarem in Kontakt treten. Der Versuch, das »Andere« verfügbar zu machen, bringt es jedoch zum Verstummen.

Die Verdinglichung ist aber doch das Erfolgsmodell der Moderne: Krankheiten werden etwa dadurch geheilt, dass man Erreger isoliert, objektiviert, verdinglicht.

Rosa: Ich stimme Ihnen völlig zu – es ist eine notwendige Kulturleistung des Menschen, die Welt auch auf Distanz zu bringen. Diese distanzierte Beobachtung hat Wissenschaft und Technik möglich gemacht. Deshalb will ich nicht sagen, dass wir die Fähigkeit zur Verdinglichung und Distanzierung aufgeben sollten. Aber es ist eine Frage des Verhältnisses, der Grundposition. Derzeit haben wir unsere gesamte Haltung in den Verdinglichungsmodus gebracht. Für die Erfahrung von Resonanz halten wir allenfalls noch ein paar Oasen bereit – das Konzert, den Waldspaziergang oder den Gottesdienst am Sonntag. Meine These lautet, dass es genau andersherum sein müsste: Die Verdinglichung sollten wir nur dort einsetzen, wo es sinnvoll und nötig ist. Unsere Grundbeziehung zur Welt müsste eine des resonanten Begegnens sein, der Offenheit, sich anrufen und berühren zu lassen.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Rosa: Schauen Sie sich an, wie wir als Gesellschaft mit Tieren umgehen. Die Nutztiere werden verdinglicht, in Massentierhaltung für unseren Verzehr, in Versuchslaboren als Objekt der Wissenschaft oder als Ungeziefer, das wir chemisch bekämpfen. Auf der anderen Seite haben wir die Haustiere, die uns eine reine Resonanzbeziehung bieten sollen. Die ökologische Landwirtschaft zeigt, wie man das wieder zusammenbringt: Die Kuh hat einen Namen, aber ich nutze sie doch. Ich betrachte sie nicht ausschließlich als Resonanzquelle, aber auch nicht wie ein Ding. Das lässt sich auf viele gesellschaftliche Bereiche übertragen. Etwa auf die Bildung, indem man Schulen und Universitäten nicht nur als Dienstleistungszentren für den Kompetenzerwerb errichtet. Sondern auch als resonante Begegnungsorte.

Wie können wir das erreichen? Durch Achtsamkeit?

Rosa: Ich werfe der Achtsamkeitsbewegung immer vor, dass sie meint, man könne das rein individuell angehen und brauche nur die richtige Geisteshaltung, um den Leistungs- und Steigerungsdruck außer Kraft zu setzen. Demgegenüber würde ich auf dem Primat der Politik beharren. Denn das Grundversprechen der Demokratie besagt, dass jeder und jede eine Stimme haben soll, mit der wir die Welt gemeinsam gestalten und in ein Antwortverhältnis setzen können. Allerdings ist die Idee der Demokratie inzwischen leider ziemlich abgenutzt.

Warum?

Rosa: Weil die Grundidee von Demokratie – nämlich das Sprechen, Hören, Antworten und so zu gemeinsamen Lösungen zu kommen – an allen Ecken unterlaufen wird. In den Parlamentsdebatten geht es gerade nicht darum, sich durch Zuhören verändern zu lassen. Man darf sich auf gar keinen Fall von den Argumenten der Opposition bewegen lassen, sondern man muss sie vorführen. Hier hat sich eine fatale Eigenlogik entwickelt, die auch in Talkshows und in sozialen Medien vorherrscht. Da ist die Resonanz schon im Eimer. Aber es gibt da noch ein anderes Problem: dass auch die Politik an dieser Idee der Verfügbarmachung hängt. Auch hier herrscht der Steigerungszwang: »Wählt mich und es wird mehr Arbeitsplätze geben. Wählt mich und es wird mehr Kitaplätze geben ...« Ich muss also versprechen, dass ich etwas verfügbar mache. Aber ich werfe das den Politikern nicht vor. Ich hasse es, so zu tun, als wenn das alles Idioten wären. Es ist vielmehr eine institutionelle Logik.

Es gibt also keine echten Resonanzbeziehungen, solange der Kapitalismus existiert?

Rosa: Doch. Da bin ich in einer heftigen, manchmal sogar sehr erbitterten Debatte mit anderen linken Soziologen, die sagen, dass kapitalistische Arbeitsverhältnisse durch und durch entfremdet und resonanzfeindlich sind. Aber ich behaupte, dass in jeder Arbeit auch Resonanzen und zweckfreie Energien im Spiel sind – Kapitalismus hin oder her. In allem, was wir tun, ob wir Fußball spielen oder vor einer Klasse stehen, ob ich ein Buch schreibe, ja selbst wenn ich am Fließband stehe.

Angenommen, wir hätten ein Resonanzministerium. Was müsste dieses Ministerium leisten?

Rosa: (lacht) Die Frage ist gut, aber sie alarmiert mich auch. Die Gefahr eines solchen Ministeriums läge darin, dass dann auch noch die Resonanz der Steigerungslogik unterworfen würde. Wir müssten dann neben dem Wirtschaftswachstum, den Bildungserfolgen, den Innovationen auch noch die Resonanz in der Gesellschaft steigern. Aber wenn man davon mal absieht, könnte ein solches Ministerium darauf hinarbeiten, dass der Wettbewerb nicht auf alle Teile der Gesellschaft ausgedehnt wird. Dass nicht jede Kita, jede Pflegeeinrichtung, jeder Lehrstuhl in Konkurrenzdruck mit anderen gestellt wird. Denn entweder stehe ich in Konkurrenz oder in Resonanz. Und wenn man die internationalen Beziehungen als Resonanzraum betrachtet und füllt, könnten selbst Männer wie Putin oder Erdogan nicht mehr nur als aggressive Gegner betrachtet werden.

Resonanz, so wie Sie sie beschreiben, hat immer auch etwas Metaphysisches. Ist das auch eine religiöse Kategorie?

Rosa: Resonanz ist eine Beziehung mit vier Elementen: Etwas berührt mich. Ich antworte darauf, erreiche also die andere Seite, werde dadurch verwandelt. Zur Resonanz gehört aber auch die Unverfügbarkeit der anderen Seite – dass ich nicht weiß, was dabei herauskommt. Und da kommt die Metaphysik ins Spiel: Resonanzbeziehungen haben immer ein Moment des Geschenktwerdens. Ich kann mich dafür öffnen, aber ich kann es nicht machen, nicht erzwingen. Genau das beschreibt auch der alte christliche Begriff der Gnade.

Ist Religion Resonanz?

Rosa: Religionen leben von der Idee, von dem Versprechen und auch von der praktischen Erfahrbarkeit einer Resonanzachse in vertikaler Hinsicht: dass am Grund meiner Existenz ein Antwortgeschehen ist. Nicht das schweigende oder feindliche Universum, sondern ein Grundverhältnis des Eingespanntseins in die Welt, des Hörens und Antwortens. Wenn man die Bibel darauf hin auslotet, findet man durch alle Bücher und Psalmen hindurch immer dieses Rufen, Schreien und Flehen nach diesem Anderen. Und auch die Erfahrung: Da ist einer, der dich bei deinem Namen ruft. Der dich sieht und Wege findet, die so ein Wechselverhältnis zu dir eröffnen.

Können die Religionen das vermitteln?

Rosa: In dem Moment, wo ich meine: »Jetzt weiß ich, was Gott sagt«, verliere ich den Resonanzraum. Darin besteht die Gefahr der Religionen. Wenn ich proklamiere: »Gott sagt ...«, bin ich nicht mehr im Modus des Hörens und Antwortens, sondern der Verfügbarmachung. Trotzdem: Religionen – und natürlich auch die Kirchen – stellen einen rituellen Raum zur Verfügung, der Resonanz und entsprechende Praktiken nahelegt. Vor allem das Beten – das sage ich als Soziologe und nicht als Theologe – ist eine faszinierende Praxis. Weil sie diese Achse fast leiblich erfahrbar macht: Der Betende geht ganz nach innen, richtet sich aber gleichzeitig an ein Außen.

Sie als Soziologe machen damit auf eine Dimension aufmerksam, die aus dem öffentlichen Diskurs nahezu verschwunden ist. In der modernen Gesellschaft gilt Religion als die Privatsache schlechthin.

Rosa: Darin liegt tatsächlich ein großes Problem. Ich nenne das die »Privatisierung des Guten«. Wenn man die Frage nach Gott oder dem Guten ganz aus der öffentlichen Diskussion vertreibt und ins Private schiebt, verliert man den Raum für zentrale Formen der Weltbeziehung, wie sie etwa in religiösen Begriffen wie »Ehrfurcht« oder »Dankbarkeit« zum Ausdruck kommen. Ich finde es sehr wichtig, dass man diese Erfahrungsdimensionen zugänglich hält. Meine Erfahrung ist, dass Menschen dafür einen Sinn haben und das auch hören wollen, wenn sie komplett unreligiös sind.

Wie sind Sie auf diese Dimension gekommen?

Rosa: Da hat mich schon die Zeitsoziologie hingeführt. Bei meinen Forschungen zur Beschleunigung fragte ich mich: Haben wir überhaupt noch eine kulturelle Ressource für eine andere Form des In-der-Zeit-Seins als die der Optimierung? Da stieß ich auf das Kirchenlied: »Meine Zeit steht in deinen Händen«. Darin steckt diese unglaubliche Idee, die Erfahrung des Nicht-Verfügen-Könnens als Modus der Welterfahrung. Diese Dimension müssen wir zugänglich halten als kulturellen Schatz und als Ressource, mit der wir in die Welt gestellt sind.

Viele Menschen machen aber im Gottesdienst gerade keine Resonanzerfahrungen mehr. Wie erklären Sie sich das?

Rosa: Ja, das ist eine wichtige Frage, und sie treibt mich ein bisschen zur Verzweiflung. Ich erlebe das ja auch in meiner kleinen Diasporagemeinde im Schwarzwald. Irgendwann wird es halt keinen Gottesdienst mehr geben, wenn keiner mehr kommt. Was wir da verlieren, ist unermesslich! Weil wir die vertikale Resonanzachse verlieren, die zentrale Erfahrung, auf der unsere Kultur beruht.

Was raten Sie den Kirchen?

Rosa: Es hilft jedenfalls nichts, in der Kirche »mal was anderes zu machen«, den Ritus zu verändern, wie das oft vorgeschlagen wird. Auf so eine Idee kann man nur kommen, wenn man das unverfügbar Andere an der Oberfläche sucht. Der Ritus ist eigentlich das Medium, mit dem ich einem ganz Anderen begegne – also Gott oder was immer da ist auf der anderen Seite, für die ich keinen Begriff habe. Wenn ich die Erfahrung des Berührtwerdens nicht mehr mache, hilft es auch nicht, die Form zu verändern. Der russische Pianist Igor Levit wurde einmal gefragt, ob er es nicht satt habe, immer die Mondscheinsonate zu spielen. Und er sagte nein, je öfter er sie spiele, umso fremder werde sie ihm, denn sie klinge jedes Mal anders. So müsste eigentlich auch das Abendmahl sein.

Wie kommt es, dass wir das Andere da nicht mehr finden?

Rosa: Das ist Ausdruck einer Kulturkrise. Wir sagen ja ständig: Ich brauche ein anderes Kleid, einen anderen Urlaubsort, eine andere Küche. Und weil das unsere Grundhaltung ist, verfehlen wir auch den Sinn dessen, was Gottesdienst eröffnen kann: den Zugangs zu dem ganz Anderen, das hinter den Riten und Liedern ist.

Wie kann man das wieder herstellen?

Rosa: Ich weiß es nicht. Erst mal sollten die, die den Gottesdienst zelebrieren, den Sinn für diese Resonanzbeziehung haben. Es gibt ja Pfarrer, die es schaffen, den Zugang dazu zu eröffnen. Wenn aber die keinen Sinn dafür haben, braucht man sich nicht zu wundern, wenn das auch die Gläubigen nicht mehr hinkriegen. Da hilft auch kein hektischer Versuch, die Kirche zum Supermarkt zu machen und den Leuten »mehr zu bieten«.

Sehen Sie sich als Christ?

Rosa: Ja, ich bin evangelisch und will dazugehören. Meine Eltern waren zwar katholisch, sind aber dann ausgetreten und haben alle möglichen religiösen Gruppierungen durchprobiert. Man könnte sagen, ich bin in einer hinduistischen Sekte aufgewachsen. Ich weiß gar nicht mehr, was eigentlich passiert ist, dass ich dann doch beim Christentum gelandet bin.

Kein Bekehrungserlebnis also?

Rosa: Als Kind hat mich die Orgel unglaublich angesprochen, ich wollte unbedingt spielen und hab das dann auch gemacht. Und meine Eltern waren der Meinung, dass es nicht ganz falsch wäre, wenn ich in irgendeinen Religionsunterricht gehe. So bin ich halt in den evangelischen gekommen und dann auch konfirmiert worden. Trotzdem kann ich bis heute mit theologischen Aussagen wenig anfangen. Ich sage es mal so: Gott ist absolut unverzichtbar für mich. Aber ich kann ihn nicht in kognitive Begriffe kriegen. Die Frage etwa, ob Gott drei oder eins ist, lässt mich völlig kalt. Es ist weniger der kognitive theologische Gehalt, den ich am Christentum schätze, als die praktischen Dinge, die Atmosphäre der Kirchen, die Riten und die Lieder, die alten ebenso wie die neuen, oder die Segenstexte und das Abendmahl.

Wie sind Sie zu dem Begriff der Resonanz gekommen?

Rosa: Ich wollte eine Soziologie der Weltbeziehung schreiben und suchte nach einem Gegenbegriff zur Entfremdung – also zu der Erfahrung, dass mir die Welt letzten Endes feindlich oder stumm gegenübersteht. Und dann habe ich mich tatsächlich jeden Tag ans Fenster gestellt, herausgeguckt und mich gefragt, ob mein Leben gerade gelingt: War es ein guter Tag oder ein schlechter Tag? Dabei habe ich festgestellt, dass ein guter Tag, dass dieses Gefühl, »so muss Leben sein«, mit der Erfahrung von Verbundenheit zusammenhing. Den grünen Wald wahrzunehmen, den Nachbarn, wo der Sohn Geburtstag hat ... und dann sehe ich die Kirche, den Himmel ... Also dass ich wie mit vibrierenden Drähten mit der Welt verbunden bin. So kam ich auf den Begriff der Resonanz.

Jetzt ist bald Weihnachten, und Sie werden wieder Orgel spielen. Was ist ihr liebstes Weihnachtslied?

Rosa: »Engel auf den Feldern singen«. Das habe ich schon als Kind immer geliebt. Vor allem die Zeile »und die Berge hallen wider«. Darin schwingt diese Verbindung, diese vertikale Resonanz.

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Personalaudioinformationstext:   Hartmut Rosa, geboren 1965, ist Professor für Soziologie an der Universität Jena und Direktor des Max-Weber-Kollegs in Erfurt. Durch seine Forschungen zur Beschleunigung und zum Bedürfnis nach Resonanz ist er weit über das akademische Umfeld hinaus bekannt geworden. Rosa gibt die Fachzeitschrift »Time & Society« mit heraus. Er lebt in einem Dorf im Hochschwarzwald und begleitet dort auch den Gottesdienst auf der Orgel.
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