Gemeinsinn statt Kampf
Der lammfromme Raubfisch
In ostafrikanischen Savannen weitverbreitet ist der Rotschnabel-Madenhacker, ein geselliger Vogel mit einem sprechenden Namen. Häufig sieht man einzelne Tiere oder kleine Schwärme auf dem Rücken großer Weidetiere sitzen, auf Antilopen, auf Nashörnern, auf Giraffen und auch auf Hausrindern. Die Vögel picken Parasiten wie Zecken und Insektenlarven aus der Haut, was von den Weidetieren umstandslos geduldet wird. Zudem reinigen sie die Wundränder, wenn eines der großen Tiere sich verletzt hat, indem sie lose Hautpartikel abknabbern und verzehren. Diese Gemeinschaft hat allerdings auch eine Schattenseite: Das Picken in größeren Wunden kann dazu führen, dass die Wunden schlecht verheilen, weil es mit der »Reinigung« ein wenig übertrieben wird. Im Oktober 2025 berichteten zwei österreichische Forscher in einer Fachzeitschrift über ein zusätzliches Zusammenwirken von Madenhacker und Giraffe: Wenn einer dieser Vögel am Hals oder auf dem Rücken einer Giraffe sitzt und aus dieser erhöhten Position heraus ein Raubtier entdeckt, dann äußert der Vogel einen speziellen Ruf, auf den die Giraffe sofort reagiert – sie nimmt ihn folglich als Warnlaut wahr. Vergleichbare Beobachtungen gibt es vom Zusammenwirken der Rotschnabel-Madenhacker mit Nashörnern; in summa hat das Miteinander von Vogel und Säugetier für beide Seiten augenscheinlich überlebenswichtige Vorteile. Das trifft in umgekehrter Beziehung auch auf ein einheimisches Zusammenwirken zu: Wenn eine Amsel oder ein Eichelhäher in ihrem Revier eine Hauskatze entdecken, zetern sie anhaltend und so laut, dass alle bodennahen Vögel wissen: aufpassen, hier droht Gefahr.
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Karl-Heinz Wellmann ist Verhaltensbiologe und war langjähriger Wissenschaftsredakteur beim Hessischen Rundfunk. Er lebt im Ruhestand und als freier Autor in Frankfurt am Main.

