Glaubwürdig ...
Hoffnung, wenn der Tag anbricht
Ich bin eine Nachtigall und keine Lerche. So stelle ich mir jeden Morgen den Wecker auf Viertel vor fünf Uhr. Um halb sechs beginnt hier im Kloster Tabgha unsere erste Gebetszeit. Wir sind fünf Mönche, Benediktiner, Deutsche und ein polnischer Mitbruder. Aber auch wenn ich morgens eher unwirsch bin und mich gern noch einmal umdrehen würde, erkenne ich den Wert dieser frühen, unverbrauchten Stunde. Die Stunde des Anfangs, der ersten Gedanken für diesen Tag, noch fast frei von Sorgen, Konzepten, Gefühlen oder Reflexionen. Wir sind geistig empfänglich. Selbst erste Pläne erscheinen wie in einem Hauch von Möglichkeit. Einen Augenblick lang schweben sie noch unbedrängt von den Einschränkungen der Realität. Mit unserer Gebetszeit markieren wir den Übergang von der Nacht zum Tag. Wir benennen diesen Wandel bewusst, besingen ihn, durchbeten ihn und hören dabei auf das Wort Gottes. Die Bedrohung macht uns aufmerksamer auf die Worte unserer Gebete. Ich lese oder bete diese Stellen, vor allen Dingen die Psalmen, noch mal mit ganz anderen Augen. Die Psalmen sind ja voll von Gewalt, von erlittener Gewalt, Gewaltfantasien, aber eben auch von Lob und Dank – und das kriegt jetzt manchmal einen bitteren Beigeschmack.
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Pater Josef ist 1971 in Düsseldorf geboren. Er machte eine Ausbildung als Krankenpfleger, begann das klösterliche Leben 1996 in Deutschland und trat im Jahr 1997 in die Benediktinerabtei Dormitio mit ihren Klöstern in Jerusalem und Tabgha am See Genezareth ein. 2019 wurde er im Kölner Dom zum Priester geweiht. Zurzeit ist er der Prior, der Hausobere in Tabgha.

