Liebe L eserinnen, liebe Leser,
»Soll ich mir das zumuten?« Früher wäre mir diese Frage nie in den Sinn gekommen. Das Frühstücksritual mit Kaffee und ausführlicher Zeitungslektüre war mein perfekter Einstieg in den Tag: »Mal schauen, was es auf der Welt so Neues gibt!« Der Kaffee ist geblieben, aber mit Blick auf die Zeitung frage ich mich tatsächlich immer öfter: »Soll ich mir das zumuten?« Die tägliche Dosis Krieg, Krise, rechtspopulistische Unverschämtheiten, Verrohung der Debattenkultur, Klimaprognosen? Ich spüre, wie die unsichere Weltlage meine Seele schwer macht. Ich schalte seltener die Nachrichten ein, begnüge mich mit kurzen Textformaten, entziehe mich der Flut schrecklicher Kriegsbilder. Und ich kann nachvollziehen, was Soziologen zurzeit beobachten: Es gibt eine Flucht aus der Wirklichkeit. Ja, es braucht diesen Selbstschutz. Es braucht angesichts der krisenhaften Zeiten eine gute Selbstfürsorge. Wir fügen dem Lauf der Welt nichts Positives hinzu, wenn wir ängstlich, gelähmt oder depressiv werden. Deshalb sind die kleinen Fluchten, die persönlichen Räume zum Aufatmen so wichtig. Wir fliehen damit nicht vor der Wirklichkeit, sondern reagieren auf sie mit einem geschärften Blick für unsere eigenen Bedürfnisse. Denn nur wenn wir selbst aufrecht bleiben, können wir dort wirken, wo wir ins Leben gestellt sind und gebraucht werden.Wir erkunden in diesem EXTRA solche Refugien, unsere kleinen Fluchten. Wir folgen unseren Protagonisten zu den Quellen, wo sie neue Kräfte schöpfen. Beim täglichen Gang durch den Park kann ich die kleine Wunderwelt der Schöpfung bestaunen, die sich im Wandel der Jahreszeiten mit so viel Schönheit bekleidet. Für die Kriegsreporterin, die so viel Tod sah, ist es der Wald, der ihr das Gefühl von Ganzheit zurückgibt. Es ist eine bekannte Intervention in der Traumatherapie, dass sich Klienten mit ihren inneren Bildern einen Ort ausmalen, wo sie sich sicher und geborgen fühlen. Immer, wenn die Angst nach ihnen greift, dürfen sie dort Schutz finden. Der Mönch empfiehlt uns in diesem EXTRA den Grund der Seele als heiligen Ort des Rückzugs. Und wir erfahren von der leidenschaftlichen Leserin, wie sie Rückzugsorte in ihren Büchern findet, die sie lehren, ganz Mensch zu sein. Neben dem Kampf und der Erstarrung hat die Evolution die Flucht als eine Reaktion auf Gefahr perfektioniert. Kein Wunder also, dass das Laufen eine sehr beliebte kleine »Flucht« ist. Der sorgenschwere Kopf wird freigerüttelt und der Körper zugleich beansprucht und entspannt. Ähnliches berichtet in diesem EXTRA ein Wanderer, der fünf Wochen allein in den Pyrenäen unterwegs war: Viel Belastendes wird vom Rhythmus der Schritte losgetreten, bleibt gerade lange genug, um einmal kurz darüber zu schmunzeln, und schwebt dann einfach davon.
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Klaus Hofmeister, ist Redakteur für Kirche und Religion beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Er lebt in Kahl am Main.

