Lob des Schlafes
Es war ein Glücksfall, an diesem Bauzaun entlangzuspazieren und dabei auch die frisch plakatierte Werbung nicht zu übersehen: »Hier entsteht Ihre Traumwohnung zur Miete.« Und das in Frankfurt, wo fast nur noch Eigentumswohnungen gebaut werden. Wir hatten schon länger vor, eine neue, kleinere Bleibe für uns zu suchen, aber ernsthaft danach umgeschaut hatten wir uns nicht. Der Innenausbau war noch voll im Gange, doch der Mietvertrag bald unterschrieben, und vier Monate später konnten meine Frau und ich einziehen. Südwestlage, eine Glaswand zwischen Wohnzimmer und Balkon – der erste Sommer war heiß, innen wie außen. Im November jedoch wurde es erst kühl, schließlich eisig, draußen wie drinnen. Die Heizung blieb in der gesamten Wohnanlage kalt. Warmes Leitungswasser: ebenfalls Fehlanzeige, mehrere Wochen lang, ein Albtraum vor allem für die Nachbarn mit kleinen Kindern. Wir hingegen konnten uns behelfen: Der Heißluftherd erwies sich als verlässliche Notheizung, Duschen gab es im Fitnessstudio und in der Sauna. Aber am häufigsten und zugleich am sinnlichsten war die Flucht vor der klammen Kälte unter die kuschelige Winterbettdecke im Schlafzimmer. Nicht nur abends, sondern zum Beispiel auch nach dem Mittagessen, und – ganz unerwartet – in Verbindung mit einem Mittagsschlaf.
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Karl-Heinz Wellmann ist Verhaltensbiologe, langjähriger Wissenschaftsredakteur beim Hessischen Rundfunk. Er lebt im Ruhestand in Frankfurt am Main.

