Lesen
Der Hass
Ohne Lesen keine Bildung, keine reichhaltige Kommunikation. Lesen bildet? Stimmt das denn noch? So viele Nationalisten, Rassisten, Diskriminierer, Völkische und Hetzer im Bundestag habe ich noch nie gehört und gesehen. Und etliche davon haben einen akademischen Abschluss und sind belesen und ich erkenne (nicht immer sofort, aber häufig), wie sie aus den Untiefen unserer braunen Vergangenheit zitieren. Ich habe inzwischen meine Zweifel, dass Bildung gegen Hass und Hetze immun macht. Viele AfD-Mandatsträger in Bundestag, Land- und Kreistagen und andere Rechtsextreme bedienen sich der Umdeutung historischer Ereignisse, insbesondere im Kontext der deutschen Geschichte. Angesichts dieser Gedanken und Ereignisse las ich »Club der Dilettanten« (Rowohlt, 254 Seiten) der Philosophin und Historikerin Bettina Stangneth über die Frage, »warum niemand Bücher wirklich versteht, aber trotzdem jeder beim Lesen lernt«. Im Jahr 2000 verlieh die Philosophisch-Politische Akademie in der Germania Judaica in Köln Bettina Stangneth den ersten Preis für ihre Arbeit zum Antisemitismus bei Kant. 2022 wurde ihr der Friedrich-Nietzsche-Preis zugesprochen. Wichtige Bücher von ihr sind unter anderen »Eichmann vor Jerusalem. Das unbehelligte Leben eines Massenmörders«, »Lüge! Alles Lüge! Aufzeichnungen des Eichmann-Verhörers Avner Werner Less«. In ihrem »Club-Buch« greift sie das Bemühen der Freunde Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller 1799 auf. Statt über die nicht besser werdenden Bücher, die Schnellschreiber und seichten Liebesromane zu lamentieren – »eine einzige Abwärtsspirale« –, wollen sie Kriterien und Empfehlungen ausarbeiten, damit das Lesepublikum orientiert und zur Buchauswahl qualifiziert wird. So schrieb Goethe an Schiller, dass ihre »Arbeit über Dilettantismus sie beide in eine schwierige Position bringen« würde, »denn es ist nicht möglich, die Unarten desselben einzusehen, ohne ungeduldig und unfreundlich zu werden«. Sie geben ihr Projekt auf. Bettina Stangneth bleibt dran, aber anders als gedacht. Sie reflektiert das Bücherlesen, schafft Introspektionen von sich und Beobachtungen anderer Menschen beim Lesen. Entdeckt viele Facetten. Das ist für mich als Vielleser seit Kindertagen ein toller Spiegel für Selbstreflexion und Reflexion der Leseumstände. »Heute quillt das Internet geradezu über von Bücherlisten«, sodass es hilft, wenn qualifiziert über Bücher berichtet und begründet geurteilt wird. Bettina Stangneth: »Wenn alles richtig läuft, erschafft ein Leser im Lesen ein Buch, das mehr auszulösen vermag, als sein Autor es hätte erhoffen können.« Ihre Zentralthese. Und das wird von ihr nach allen Aspekten durchdekliniert. Ich wünschte, dass dabei auch selbstkritisches Lesen entsteht, ideologiekritisches Verstehen gegen das Böse in Büchern.
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Norbert Copray ist geschäftsführender Direktor der Fairness-Stiftung. Er leitet seit 1977 das Rezensionswesen von Publik-Forum.

