Meine wunderbare Lehrerin
So alt so jung
An Wochenenden liegen meine bezaubernde Frau und ich gern nach dem Aufwachen stundenlang im Bett, lesen Neuigkeiten, planen Ausflüge und leben in den Tag hinein. An Werktagen dürfen wir das leider nicht. Da müssen wir früh raus und arbeiten. Noch ein paar Jahre. »Ungerecht!«, sage ich zur Bezaubernden, »von uns verlangt man, dass wir praktisch mitten in der Nacht aufstehen.« – »Schon«, stimmt sie mir zu, und uns allen ist klar, dass da noch was hinterherkommt. »Aber«, sagt sie folgerichtig, »wir können uns doch freuen, noch so jung zu sein, dass wir weiterarbeiten müssen.« Und da hat sie, wie immer, völlig recht. Wie doof muss man sein, wertvolle Lebenszeit zu verplempern und sich dann auch noch darüber zu beklagen, dass man noch nicht alt genug ist? Denn nicht jeder Mensch ist ja so wie meine frühere Grundschullehrerin. Meine frühere Grundschullehrerin, Frau O., war streng. Aber auch schlau. Sie war nur zwei Jahre lang meine Lehrerin, doch die waren so prägend, dass sie mir im Sinn blieben. Und dann passierte Folgendes: Eines Tages traf ein Päckchen bei mir ein. Da hatte ich in der Zeitung, für die ich arbeite, eine kleine Glosse darüber geschrieben, dass mir ein Malheur passiert war: Ich hatte ein Ensemble winziger Muscheln beim Staubsaugen – schlurp! – weggesaugt. Muscheln, die meine bezaubernde Frau in einem wunderbaren Urlaub an der Ostsee gesammelt hatte. Das las Frau O. und schickte, ohne zu ahnen, an wen, einige kleine Muscheln, die sie selbst gesammelt hatte. Zum Trost. Gerührt entdeckte ich das Schreiben, das sie dazu gepackt hatte – und stellte fest: Das ist doch meine Lehrerin! Um es kurz zu machen: Seither sind wir Freunde, ich darf sie inzwischen M. nennen und duzen. Ich hatte die Ehre, beim Fest zu ihrem 99. Geburtstag vorzutragen, wie wir uns kennengelernt hatten (die normale Geschichte, Lehrerin und Schüler) und wie wir uns wiedergefunden hatten (die sagenhafte Geschichte, Muscheln und Staubsauger). Viele andere Leute waren auch da und trugen ihre Geschichten mit M. vor. Es war eine großartige Feier in einer enorm herzlichen Gemeinschaft und mit einer unglaublich fitten 99-Jährigen. Sie war in jungen Jahren Leistungsturnerin, machte stets weiter Gymnastik, behielt ihre Disziplin bei und sorgte zwischendurch auch gern mal für Furore, indem sie die Mitglieder einer ewiggestrigen Partei an deren Wahlkampfstand zusammenstauchte, was in einem Video viral ging. Was ist aus M. geworden? Eine berühmte Frau. Als Pensionärin gründete sie eine Mütterzentrale, wurde dafür vielfach geehrt – und im kommenden Frühjahr ist sie Star einer Veranstaltungsreihe im Historischen Museum unserer Stadt. Da tritt sie mit ihrer Lebensgeschichte als Zeitzeugin auf: am Tag nach ihrem 100. Geburtstag. »Da sind wir dabei«, sage ich zur Bezaubernden. »Das steht fest«, sagt sie. »Dann können alle sehen«, sage ich, »wie jung man 100 Jahre alt werden kann«, sagt sie.
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