Zur mobilen Webseite zurückkehren

Die Macher kommen

Sie programmieren Staubsauger und Strickmaschinen, lieben Roboter und nennen sich »Maker«: In den USA gelten sie als Vorboten einer neuen industriellen Revolution. Hierzulande ist die Bewegung noch klein, aber das ändert sich gerade
von Andrea Teupke vom 31.07.2014
Artikel vorlesen lassen
Maker lieben alles, was sich bewegt und blinkt, zum Beispiel das Roboterpferd des Künstlers Paka (Foto: Heise Medien Gruppe)
Maker lieben alles, was sich bewegt und blinkt, zum Beispiel das Roboterpferd des Künstlers Paka (Foto: Heise Medien Gruppe)

Sieht so die Revolution aus? Wie immer man sich 3D-Drucker vorgestellt haben mag, sie sind bemerkenswert unspektakulär. Ein Metallgestell, etwa so groß wie ein Hamsterkäfig, außen ein paar Kabel und innen ein Druckkopf, der sich leise surrend hin- und herbewegt. Die Maschine schluckt farbige Kunststoffschnüre, die an Lakritze erinnern, erwärmt das Plastik in ihrem Inneren und gibt es durch eine Düse wieder aus. So kann der 3D-Drucker langsam, Schicht für Schicht, beliebige dreidimensionale Gebilde aufbauen: Kleine Eulen. Stiftehalter. Oder Yoda, eine Figur aus »Krieg der Sterne«.

Anzeige
loading

Keine Frage, auf der zweiten deutschen Makerfaire in Hannover, einer Messe für Elektronik-Bastler, gibt es beeindruckendere Dinge zu bestaunen: bizarre Kunstwerke wie den feuerspeienden Drachen Elsie beispielsweise, um den sich Trauben von Kindern scharen. Der britische Künstler Paka hat das acht Meter lange Ungetüm aus Schrott und hydraulischen Zylindern geschaffen, hat es mit beweglichen Flügeln und zornig glühenden Augen ausgestattet. Doch keine Maschine vermag derzeit wirtschaftliche und politische Fantasien in dem Maße zu entfesseln, wie es die 3D-Drucker tun, die es hier in den unterschiedlichsten Ausführungen zu sehen gibt.

Präsident Obama spricht von einer Revolution

Chris Anderson, ein US-amerikanischer Journalist, traut der Wundermaschine zu, die Wirtschaft komplett umzukrempeln. Sie soll für völlig neue Produkte, Arbeitsplätze und Besitzverhältnisse sorgen und das Leben jedes Einzelnen grundlegend verändern. In seinem Buch »Makers – Das Internet der Dinge« malt er eine nahe Zukunft aus, in der jeder alles herstellen kann und wird. Angefangen von Spielzeug – laut Anderson lassen sich Möbel fürs Puppenhaus mit einem 3D-Drucker in einer halben Stunde herstellen – über Ersatzteile von Haushaltsgeräten bis hin zu völlig neuen Produkten: Die neue Technologie, so schreibt Anderson, ermögliche es, dass endlich jeder Unternehmer werden könne. Ein amerikanischer Traum werde wahr. In den USA nimmt man solche Visionen ernst. Präsident Obama persönlich hat im Juni eine Makerfaire im Weißen Haus eröffnet. Vor 100 000 Besuchern schwärmte er von der »Revolution, die uns helfen kann, neue Jobs und Industrien zu schaffen«.

In Deutschland dagegen träumen erst wenige vom Unternehmertum auf Kunststoffbasis. Knapp 9000 Besucher wird der Heise-Verlag, der die Makerfaire in Hannover ausrichtet, nach diesem Wochenende vermelden. Die meisten der – überwiegend männlichen – Technikfans scheinen weniger daran interessiert, eine Revolution loszutreten, als sich mit Gleichgesinnten über ihr Hobby auszutauschen. Ingenieure, E-Technik-Studenten und Berufsschullehrer drängen durch die beiden Hallen. Aber auch ganze Familien bestaunen kleine Roboter, testen lustige Spiele, fachsimpeln über Programmiertricks, besuchen Workshops und Vorträge.

»Maker« – der Begriff stammt natürlich aus den USA – sind Bastler, Tüftler, Selbermacher. Im Gegensatz zum klassischen Heimwerker, der in seinem Hobbykeller Regale schreinert, haben Maker eine Neigung zum Skurrilen; statt in Bad und Küche Fliesen zu verlegen, programmieren sie lieber einen selbstfahrenden Staubsauger so um, dass er Knabberzeug zum Sofa transportiert. Oder sie ergänzen ihren Fernseher um ein selbstgebautes »Ambilight«, eine bunte LED-Beleuchtung, die das Wohnzimmer passend zum Bildschirm in farbiges Licht taucht.

Man hat sich Maker als glückliche Menschen vorzustellen. Zum Beispiel Daniel Bachfeld. »Bastelwut« nennt er die Euphorie, die ihn jedes Mal packt, wenn er »mit Herzklopfen und schweißnassen Händen« ein neues Projekt angeht. Seit der Heise-Verlag die schnell wachsende Maker-Szene als Zielgruppe entdeckt hat, darf Bachfeld als Chefredakteur des neugegründeten Magazins c’t Hacks hauptberuflich seiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen: Er und sein Team erklären, mit welchen Tricks Rollstuhlfahrer ihre Fahrzeuge tunen können und wie man Quadrokopter selber baut – Hauptsache, es blinkt, lässt sich vom Computer aus ansteuern und irgendetwas bewegt sich. 30 000 Lesern gefällt das so gut, dass sie das Heft kaufen.

Es geht darum, Neues zu schaffen

Von »Spaß«, »Kreativität« und »Selbstverwirklichung« ist meist die Rede, wenn Maker nach dem Sinn ihres Tuns gefragt werden. Es geht darum, Neues zu schaffen und dafür Materialien und Technologien neu zu kombinieren. Hartnäckigkeit, Know-how und ein ausgeprägter Spieltrieb zeitigen mitunter Ergebnisse von ganz eigenem ästhetischen Reiz. »Alle Garne sind schön« heißt es etwa beim Projekt Ayab (»All yarns are beautiful«). Andi und Chris, E-Technik-Studenten aus München, kamen durch ihre strickenden Freundinnen auf die Idee, eine Alternative zur mühsamen Handarbeit zu schaffen. Sie besorgten sich bei Ebay eine Strickmaschine aus den 1980er-Jahren, entfernten die umständlich zu bedienende Steuer-Elektronik, ersetzten sie durch eine selbstbestückte Platine – und können die Maschine mit ihren 200 Nadeln nun vom Laptop aus ansteuern. Abstrakte Muster oder farbige Schriftzüge: Die gehackte Strickmaschine setzt jede Vorlage Pixel für Pixel in bunte Maschen um. Wenn Chris den Schlitten, durch den die Wolle zugeführt wird, geduldig hin- und herfährt und aus dem Leib der Maschine eine wollene Andy-Warhol-Grafik quillt – ist das dann Handwerk? Technik? Oder eine Art künstlerischer Performance?

Ermöglicht wird das fachübergreifende Gebastel durch die rasante technische Entwicklung der vergangenen Jahre. Erst seit Kurzem sind leistungsstarke und leicht programmierbare Prozessoren in Scheckkartengröße für jedermann erschwinglich. 3D-Drucker werden mittlerweile schon für wenige Hundert Euro verkauft.

Und manches, was damit hergestellt wird, ist nicht nur niedlich, sondern auch nützlich: So zeigt die Hannoveraner Informatikerin Annette Thurow an ihrem Stand dreidimensionale Stadtpläne für Blinde. Die Daten dafür stammen von Open Street Map, einem öffentlichen und nutzerbasierten Gemeinschaftsprojekt im Internet; hergestellt werden die Reliefkarten mit dem 3D-Drucker.

Die Maker-Bewegung leistet »einen wirklichen Beitrag zur Verbesserung der Welt«, urteilt die Fachjournalistin Elke Schick. Gerade für Menschen mit Behinderungen kann der technische Fortschritt ein Segen sein. Dank kostenloser Software und neuer Technik lassen sich beispielsweise Prothesen mittlerweile viel günstiger und vor allem individueller herstellen, berichtet Schick. MS-Kranke profitieren von ausgefeilten Nervenstimulatoren. Und ein umgebauter geländegängiger Rollator kann ein echtes Plus an Lebensqualität bedeuten.

Wenn es um die gesellschaftliche Relevanz der Bastel-Bewegung geht, fällt regelmäßig auch das Stichwort »Nachhaltigkeit«. Denn wer Dinge reparieren kann, sorgt dafür, dass sie länger in Gebrauch bleiben. Maker erzählen gerne, wie sie fehlende Ersatzteile selber herstellen und etwa das ausgeleierte Plastikgelenk der alten Ikea-Lampe oder den zerbrochenen Deckel der Kaffeekanne flugs am Computer konstruieren und anschließend mit dem 3D-Drucker ausdrucken. Ob sich Aufwand und Nutzen dabei die Waage halten, ist schwer zu beurteilen – schließlich verbraucht schon die Herstellung der Drucker Energie und Rohstoffe. Es geht wohl auch um Widerstand gegen eine Industrie, die als undurchschaubar und unkontrollierbar erlebt wird. Statt nur zu konsumieren, wollen die Maker konstruieren; sie wollen die Dinge und Technologien, die uns umgeben, im Wortsinne begreifen, umfunktionieren, abwandeln. Sanftes Rebellentum scheint auf, wenn Maker berichten, wie sie einer Industrie, die kurze Lebenszyklen will, ein Schnippchen schlagen.

Auf der Internet-Plattform iFixit zum Beispiel werden Anleitungen ausgetauscht, wie sich Smartphones, und Tablets reparieren lassen, obwohl die Hersteller sich bemühen, die Produkte möglichst »spröde und abweisend« zu entwerfen, so Matthias Huisken, Deutschland-Chef von iFixit. Das Unternehmen verdient sein Geld damit, Spezialwerkzeuge und Ersatzteile zu vertreiben – und profitiert vom Fleiß der Amateurbastler, die ihr Know-how auf der Website kostenlos teilen. Überhaupt ist der Industrie mit der Maker-Bewegung ein ganz neuer Markt entstanden. All die Mikrocontroller, 3D-Drucker und das sogenannte Filament, mit dem die Drucker beschickt werden, verkaufen sich hervorragend.

Rebellieren oder reparieren

»Ist Reparieren wirklich schon ein revolutionärer Akt?«, fragte der Designer Florian Alexander Schmidt in einer klugen und skeptischen Rede vor der Deutschen Gesellschaft für Designtheorie und -forschung. Schmidt erinnerte daran, mit welcher Euphorie das sogenannte Web 2.0 eingeläutet wurde, welche Hoffnungen auf mehr Demokratie und Teilhabe damit verbunden wurden. Heute bestimmen eine Handvoll Konzerne das Geschäft mit den Daten und Inhalten der Internet-Nutzer – und machen riesige Gewinne dabei. Die Umwälzung der Besitzverhältnisse hat nicht stattgefunden.

Auch wenn sich einige Maker systemkritisch äußern: Den Kapitalismus werden die emsigen Bastler nicht in die Knie zwingen – nicht einmal mit feuerspeienden Roboterdrachen. Nach zwei Tagen Makerfaire sieht Elsie allmählich unzufrieden aus. Sie verdreht den Hals, reißt das blecherne Maul auf und schlägt hilflos mit den stählernen Flügeln. Ob sie es satt hat, hier zwischen Messeständen und Imbissbuden zu posieren?

P. S.: Während dieser Artikel entstand, gab die Firma Airbus bekannt, zum ersten Mal sei ein Airbus A350 mit einem Bauteil geflogen, das mit einem 3D-Drucker aus Metallpulver erzeugt wurde. Die neue Technik könnte »den Flugzeugbau revolutionieren und die Masse einzelner Baugruppen um bis zu fünfzig Prozent reduzieren«, hieß es in der Meldung.

4 Wochen freier Zugang zu allen PF+ Artikeln inklusive E-Paper
Schlagwort: Revolution
Publik-Forum
Publik-Forum
Einen Moment bitte...
0:000:00
1.0