Flötist Hufeisen: Ich bin ein Hans im Glück
Publik-Forum: Hufeisen – ist das Ihr Künstlername?
Hans-Jürgen Hufeisen: Nein, der ist echt. Der Name stammt von meiner Mutter. Das nach oben hin geöffnete Hufeisen ist ein Symbol für Glück – und tatsächlich hat mich das Glück auf meinem Lebensweg nur selten im Stich gelassen. Ich bin ein Hans im Glück. Obwohl die Aussichten nach meiner Geburt zunächst gar nicht rosig schienen.
Warum nicht?
Hufeisen: Ich kam im Winter auf die Welt, im Februar 1954, in einem kleinen Gasthaus im Dörfchen Anrath in der Nähe der holländischen Grenze. Das Gasthaus hatte nur wenige Zimmer und keine Heizung. Dort hat mich meine Mutter nach der Geburt einfach liegen lassen. Der Wirt hat mich zwei Tage später dort entdeckt und das Jugendamt informiert. Dann kam ich für fast drei Jahre in ein Säuglingsheim.
So einen Start ins Leben wünscht sich niemand.
Hufeisen: Dieser Start hat für immer eine dunkle Seite in mein Leben gebracht. Das kann ich nicht ablegen. Das muss ich mit mir rumführen und in mir bewahren.
Wie wirkt sich dieses Dunkle aus?
Hufeisen: Viele Jahre lang habe ich schwarz geträumt. Das geht tatsächlich. Im Traum ging ich durch einen sich ausbreitenden schwarzen Raum. Später gab es eine Erklärung dafür: Im Alter von 25 Jahren sprach ich mit dem Sohn des Wirtes, der mich damals gefunden hat. Sein Vater hatte ihm erzählt, was nach meiner Geburt passiert war: Er hatte mich unter einer Decke gefunden. Da wurde mir klar, dass ich dieses Schwarz wirklich und wahrscheinlich sehr lange gesehen hatte. Ich erinnere mich auch, dass ein riesiges Licht auf mich zukam und dass man mich durch dieses Licht hindurchtrug. Heute ist mir klar: Das war eine Tür. Es war eiskalt dort, und ich muss geschrien haben. Es ging tatsächlich ums Überleben. Seit ich weiß, was damals geschehen ist, träume ich nicht mehr schwarz.
Weil Sie erfahren haben, woher das Schwarz kommt?
Hufeisen: Ja. Dieses frühe Erlebnis hat mich so sehr geprägt, dass ich mich mein Leben lang mit Themen rund um das Dunkle und das Helle beschäftigt habe. Man kann sich das wie zwei Engel vorstellen. Auf der linken Seite ist der dunkle Engel, der mich begleitet wie ein Schutzengel. Auf der anderen Seite der Engel des Lichts. Diese beiden Engel sorgen mit mir gemeinsam dafür, dass das Dunkle nicht überhandnimmt. Doch auch das Dunkle muss geschützt werden. Das mag paradox klingen, aber so stelle ich mir das vor. Ich habe das Dunkle und das Licht erfahren und muss nun mit beidem leben.
Das Licht spüren viele Menschen in Ihrer Musik.
Hufeisen: In meiner kompositorischen Arbeit habe ich diese Themen offenbar unbewusst bearbeitet. Das ist mir erst bei einem langen biografischen Interview klargeworden. Oft versuche ich, eine Musik, die im Dunklen beginnt, ins Aufleuchten hineinzuführen. Auch das Thema Geburt habe ich immer wieder in Bühnenwerke eingearbeitet. Anlässlich des 700. Jubiläums der Schweizer Eidgenossenschaft habe ich mit dem Schweizer Theologen Walter J. Hollenweger ein Friedensmahl aufgeführt. Darin gibt es eine Geburtsszene: Unter einem roten Tuch liegend spiele ich die Flöte, ich möchte mich befreien und werde schließlich aus dem Tuch geboren.
Haben Sie jemals Ihre Mutter getroffen?
Hufeisen: Ja, ich war 25 Jahre alt, meine erste Schallplatte gerade auf dem Markt. Eine davon habe ich ihr geschickt und ihr ein Treffen vorgeschlagen. Wir verabredeten uns in einem Gasthaus in Xanten. Das war für mich wohl das beeindruckendste Erlebnis nach meiner Geburt: eine Mutter zu treffen, die man nicht kennt. Ich wusste nicht, wie sie aussah. Im Gasthaus habe ich sie dann sofort entdeckt, ich ging auf sie zu, und wir haben bis tief in die Nacht geredet. Aber leider ist sie auf viele Fragen gar nicht eingegangen; sie blieben bis zum Tod meiner Mutter unbeantwortet. So auch die wichtigste Frage: »Warum? Warum wolltest du nicht meine Mutter sein?« Wenn man darauf keine Antwort bekommt, dann ist das der Engel des Dunkels.
Waren Sie wütend auf Ihre Mutter?
Hufeisen: An diesem Abend nicht. Erst viel später habe ich eine Art Wut entwickelt, aber dabei ging es mir nicht um ihr Verhalten, sondern um Ehrlichkeit. Wenn eine Frau entscheidet, das Kind nicht zu wollen, und Kind und Mutter treffen sich, muss die Mutter mindestens bereit sein, die Fragen zu beantworten. Ich wollte keine Entschuldigung, sondern nur die Wahrheit wissen.
Was bedeutet die fehlende mütterliche Wärme in den ersten Jahren für Ihr Leben?
Hufeisen: Die entscheidende Frage ist: Kann man diese fehlende Erfahrung irgendwann noch nachholen? Ich würde sagen, das geht. Als Dreijähriger kam ich in ein Kinderheim namens »Sonneck«. Ich ging eine große Treppe hinauf, die Tür öffnete sich, und da stand eine Frau mit einem weißen Häubchen auf dem Kopf. Sie nahm mich an der Hand und führte mich in einen Raum, in dem andere Kinder saßen. Sie sagte: »Setz dich dazu, es gibt gleich Essen.« Und schon war ich aufgenommen. Im Sonneck blieb ich 13 Jahre. Dort habe ich viel Liebe und Zärtlichkeit erfahren. Ich hatte dort nicht nur eine Mutter, sondern fünf oder sechs mütterliche Betreuerinnen. Das Heim wurde vom Neukirchner Erziehungsverein geleitet, diesem Verein fühle ich mich noch heute sehr verbunden.
Welche Erinnerungen verbinden Sie mit dem Heim?
Hufeisen: Wir hatten schlichte tägliche Rituale. Am Abend, wenn wir ins Bett gingen, wurde ein einfaches Gebet gesprochen: »Breit aus die Flügel beide, oh Jesu meine Freude. Will Satan mich verschlingen, so lass die Englein singen, dies Kind soll unverletzet sein.« Die Erzieherinen, Schwester Erna und Schwester Olga, gingen von Kind zu Kind, alle bekamen ein Kreuz auf die Stirn oder einen Kuss. So konnten wir beruhigt einschlafen. Auch meine ersten musikalischen Erfahrungen habe ich im Kinderheim gemacht. Damals kamen die Schallplatten auf. Ich weiß noch genau, wie die Erzieherin den Arm des Plattenspielers auf die schwarze kreisende Scheibe legte, und wundersamerweise kam Musik heraus. Dann forderte sie uns auf, dazu zu tanzen. Wir bekamen Bälle in die Hand und tanzten durch den Raum.
Ihr musikalisches Talent wurde dort also gezielt gefördert?
Hufeisen: Ja, mit sechs Jahren wünschte ich mir eine Blockflöte. Eines Tages ging Schwester Olga, die mich viele Jahre begleitet hat, mit mir in den Wald und sagte: »So jetzt gibt’s die erste Flötenstunde.« Ich sollte auf dem Mundstück die Geräusche des Windes und der Vögel nachahmen. Später bekam ich nur den unteren Teil der Blockflöte, den mit den Löchern. Wenn man mit den Fingern auf die Löcher tippte, gab jedes Loch einen anderen Ton. Auch wenn ich heute eine neue Blockflöte kaufe, teste ich so die Löcher. Das Holz muss klingen.
Prägt diese Zeit auch Ihre Kompositionen?
Hufeisen: Ja, Musik war bei uns Alltag; wir musizierten mit Instrumenten, aber auch mit Kochlöffeln. Diese Art, Musik auch auf ungewöhnliche Weise zu erfinden, ist mir immer geblieben: Zuerst ist da nichts. Und aus dem Nichts entsteht etwas Neues. Das fasziniert mich. Wichtig waren auch die Lieder, die im Heim gesungen wurden. Wir haben sie nicht stur auswendig gelernt, sondern sind in die Liedkultur hineingewachsen, indem wir einfach jeden Tag gesungen haben. Das Wachsen war Prinzip des Lernens. So bin ich auch in die christliche Kultur hineingewachsen und nicht hineinmissioniert worden.
Der Glaube war also nicht einengend?
Hufeisen: Überhaupt nicht. Es war eine Form des Zusammenlebens. Diese christlichen Wurzeln bleiben, auch wenn ich mit anderen Religionen zusammentreffe. Ich bin ein Befürworter von Hans Küngs Idee eines Religionen und Kulturen umspannenden Weltethos. Doch ich kann anderen nur begegnen, wenn ich mir meiner Wurzeln bewusst bin.
Anselm Grün hat über Sie gesagt: »Die Flöte hat seine Wunden in Perlen verwandelt.«
Hufeisen: Das stimmt wirklich. Ich habe mich bei ihm für diese Zeilen bedankt. Es ist kein Zufall, dass ich in meinem Atem, der am Anfang meines Lebens fast erstickt worden wäre, nun meine Berufung finde: Ich bin der Flötenspieler. Ich erzähle Geschichten mit der Flöte, ich bin ein Troubadour, der mit der Flöte Liebeslieder spielt.
Was bedeutet Musik für Sie?
Hufeisen: Musik ist für mich ein Ort des Friedens. Niemand von außen hat hier Macht. Musik schafft eine Tiefe, die das Wort so nicht leisten kann. Ich wünschte, die Kirche würde der Musik mehr Raum bieten, nicht nur in konzertantem Rahmen. Liederfahrung als Gottesdiensterfahrung sollte nicht den Pfingstlern überlassen bleiben. Im Singen wird das Wort auf eine höhere Ebene gebracht. So spiele ich bei Konzerten gern das Abendlied aus dem Kinderheim: »Breit aus die Flügel beide«. Ich nehme die Flöte, spiele das Lied und gehe um das Publikum herum. Für mich ist das Segnen. Ein Segnen mit dem Klang, mit dem Schritt.
Warum wurde gerade die Flöte zu Ihrem Instrument?
Hufeisen: Die Flöte ist ein sehr ursprüngliches Instrument, eine Urform des Tönens. Flöte spielen heißt für mich: Befreie den Atem! Lebe! Flöten war für mich ein Heilungsprozess meiner verletzten Seele. Die Erzieherinnen haben gespürt, dass ich die Flöte brauche – wobei sie meine Geburtsgeschichte nicht kannten. Aber sie spürten, dass mit meiner Seele etwas nicht stimmte. Mit sechs Jahren bekam ich Einzelunterricht, mit zwölf habe ich schon ganze Vivaldi-Konzerte gespielt.
Was bedeutet der Glaube für Sie?
Hufeisen: Glaube ist kein Wissen und auch keine Bevormundung. Nachdem die Christenheit unter dem Symbol des Kruzifixes so viel vernichtet hat, sollte das Kreuz sein Image der Gewalt ablegen. Deshalb reise ich gerne nach Irland. Die Hochkreuze, die man dort überall findet, zeigen sehr gut, was Glaube für mich bedeutet. Sie tragen nämlich keinen Leichnam als Symbol, sondern einen Kreis, den Weltenkreis. Er ist ein Friedenszeichen: Im Zentrum unserer Erde steht das Leben – nicht die Passion.
