»Ich werde den Zweifel nicht los«
Herr Mattausch, Sie betonen in letzter Zeit gern, dass Sie Rentner sind. Es gibt wenige Schauspieler, die das von sich behaupten.
Dietrich Mattausch: Weil sie nicht zum alten Eisen gehören wollen? Ich bin froh, mich Rentner nennen zu können. Die Altersvorsorge ist in meinem Beruf für viele eine kniffelige Angelegenheit. Es macht mich glücklich, dass ich nicht mehr arbeiten muss, sondern nur noch die Angebote annehme, die mir gefallen.
Ihre Prioritäten haben sich also verschoben?
Mattausch: Ich bin weniger auf meine Außenwirkung fixiert. Ich muss mir nicht mehr beweisen, dass ich der Größte bin. Früher hatte ich Achtzigstundenwochen, war monatelang unterwegs und habe gespielt, gespielt, gespielt. Heute versuche ich, in Würde alt zu werden. Ich sehe das Alter als Kunstwerk, ich bin ein alter, kahler Zausel, der Spaß am Leben haben will. Manchmal spende ich was, trete kostenlos auf, engagiere mich für die Kindernothilfe. Die neue Sicht auf die Dinge macht mich feinfühliger für die Außenwelt. Mir ist es nicht mehr wichtig, auf der Straße erkannt zu werden. Ich finde es viel interessanter, selber der zu sein, der die Dinge entdeckt.
Für viele Menschen spielt mit zunehmendem Alter der Glauben wieder eine wichtigere Rolle. Welchen Stellenwert hat die Religion in Ihrem Leben?
Mattausch: Ich würde mich als Agnostiker bezeichnen, das bin ich mit den Jahren geworden. Als junger Mensch war ich sehr gläubig, war jahrelang Messdiener und eifriger Kirchgänger. Ich habe diese theatralischen Effekte geliebt: den Weihrauch, die Kerzen, die goldbestickten Messgewänder und die Gesänge. Wenn im Gottesdienst »Großer Gott, wir loben dich« angestimmt wird, dazu die Orgel, dann bekomme ich noch heute Gänsehaut. Die katholische Kirche ist ein Meister der Inszenierung.
Für einen Agnostiker schwärmen Sie doch sehr für die Kirche.
Mattausch: Ich finde die oft hämische Freude darüber, dass der Glaube immer weiter zurückgedrängt wird, traurig.
Warum?
Mattausch: Ich unterscheide zwischen Glaube und Kirche. Der Glaube ist etwas, an dem man sich festhalten kann, er gibt einem eine innere Stabilität. Auch die Kirche – mit all ihren Fehlern – hat für mich eine Daseinsberechtigung. Sie ist ein Kulturgut, das jahrhundertelang durch seine Denkweise das gesamte gesellschaftliche Leben prägte. Auch wenn ich meine Zweifel nicht mehr los werde, habe ich meinen Sohn katholisch taufen und erziehen lassen.
Haben Sie ihm aus der Bibel vorgelesen?
Mattausch: Oh ja! Aus der Kinderbibel. Ein Knaller, dieses Buch! Was da nicht alles passiert: Moses klettert auf den Berg und bekommt die Gesetzestafeln, Jonas sitzt im Wal fest, Noah packt alle Tiere dieser Erde in ein Schiff. Das fand Johnny auch sehr spannend. Er ist auch zur Kommunion gegangen. Heute ist er 14 und kann nicht mehr so viel mit der Kirche anfangen. Aber das ist in Ordnung. Mir war nur wichtig, dass er versteht, was Glaube und Kirche bedeuten. Es war ein Angebot, er sollte wissen, an wen er sich wenden kann, wenn er eines Tages einen spirituellen Anker sucht.
Wie und wann ist Ihnen der bedingungslose Glaube abhandengekommen?
Mattausch: Bevor ich Schauspieler wurde, habe ich eine kaufmännische Ausbildung gemacht. Dort habe ich neue Leute getroffen, die mich mit in einen linken Literaturzirkel nahmen. Da wurden plötzlich Fragen zur Religion gestellt, und mein altes Weltbild geriet heftig ins Wanken.
War das eine negative Erfahrung?
Mattausch: Es hat mich eher befreit. Bis dahin wusste ich nicht, dass Erotik ein unheimlich schönes Spiel zwischen zwei Menschen sein kann. Ich dachte, das sei Sünde, und bin zur Beichte gegangen. Die unreinen Gedanken waren für mich eine enorme Belastung. Als die wegfiel, empfand ich das als unheimlich toll.
Gibt es heute noch etwas, woran Sie glauben?
Mattausch: Ich glaube an Natur und Kraft. Ich glaube, dass Gott im Hier und Jetzt ist. Er ist in mir, und ich bin ein Teil von ihm. Mit den menschengemachten Gottesbildern kann ich nichts anfangen.
Das heißt also: Jesus, Maria, Johannes – all die biblischen Figuren – spielen für Sie keine Rolle?
Mattausch: Ich sage nicht, dass es diese Menschen als historische Personen nicht vielleicht gegeben hat – mag sein. Aber ich glaube nicht, dass Gott seinen Sohn auf die Welt geschickt hat, nicht an die unbefleckte Empfängnis, nicht an die Brotvermehrung, nicht an die Auferstehung. Vielmehr dienen diese Personen und Geschichten in der Bibel dazu, Menschen, die vor fast 2000 Jahren geboren wurden, etwas begreifbar zu machen. Sie sollten Orientierung geben. Wem das heute noch hilft – wunderbar! Mir persönlich gibt das nichts, mein Denken ist sehr viel abstrakter.
Schicken Sie dennoch ab und zu ein Stoßgebet zum Himmel?
Mattausch: Manchmal. Es gab Momente, in denen ich gesagt habe: »Lieber Gott, wenn es dich gibt, hilf mir.« Aber ich werde den Zweifel nicht los, das bedaure ich durchaus. Als moderner Mensch weiß man oft gar nicht, woran man sich halten soll. Hält man sich an Google? Wer sagt die Wahrheit? Was ist überhaupt Wahrheit? Ich glaube, man muss in seinem Leben eine eigene Moral entwickeln.
Gelingt Ihnen das?
Mattausch: Es gibt anarchistische Elemente in mir. Aber es gibt einen Satz, der für mich immer gültig ist: »Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.« Das ist der Kategorische Imperativ.
Ihr Lebensmotto, so liest man, ist: »Etwas Besseres als den Tod findest du überall.« Das ist ein Zitat aus dem Märchen von den Bremer Stadtmusikanten. Warum gefällt Ihnen der Spruch so gut?
Mattausch: Er ist hoffnungsvoll. Das Leben ist kurz, es wird immer kürzer – drum lass uns was tun. Ich bin ein Macher, mich nervt es, wenn Leute immer nur reden. Mit meinen Kindern bekomme ich deswegen öfter Ärger. Ich nenne sie die Generation der Bequemlichkeitskünstler, denen das Handy irgendwann mal am Arm festwächst.
Und Sie treiben sie zu neuen Taten an?
Mattausch: Ich habe immer zugepackt. Als Junge musste ich einkaufen gehen, Holz hacken, die Gänse hüten. Mit 14 habe ich amerikanischen Soldaten die Golfschläger hinterhergeschleppt, mit 17 auf dem Friedhof Gräber ausgehoben. Und dann habe ich auf dem Bau gearbeitet. Ich hatte doch ein Ziel: Schauspieler werden! Vor diesem Hintergrund verstehe ich nicht, dass man seine Träume nicht realisiert.
Sie sind 73 Jahre alt, ihr Sohn ist 14. Da treffen zwei Welten aufeinander …
Mattausch: Ja, mich haben vor allem die Nachkriegsjahre stark beeinflusst. Ich habe große Verlustängste, die tief in mir stecken. Erinnerungen an die Flucht mit meiner Mutter, an den großen Treck nach Westen, sind Teil meines Lebens. Das alles ist natürlich meilenweit – ach was, Lichtjahre – von der Lebensrealität meines Sohnes und meiner beiden Stiefkinder entfernt.
Ihre Familie kommt aus dem heutigen Tschechien, aus Leitmeritz …
Mattausch: Die Stadt liegt nur ein paar Kilometer entfernt vom Konzentrationslager Theresienstadt. Ich erinnere mich daran, wie ich als Junge mit meinem Vater vor der Haustür stand und die Häftlingskolonnen an uns vorbeimarschierten. Die Leute mussten vor meinem Vater salutieren, weil er Uniform trug. Das waren Menschen, mit denen hatte er mal gearbeitet. Sein Schuldirektor, sein Vorgesetzter in der Bank …
Ihre Eltern waren früh Mitglieder der NSDAP, was Sie erst erfuhren, als Sie selbst schon sechzig waren …
Mattausch: Ja, als ich den Haushalt meiner Eltern auflösen musste, fand ich Dokumente, aus denen das hervorging. Ich hatte immer das Gefühl, dass mit meinen Eltern etwas nicht stimmte. 1950 war mein Vater aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt, er war weich, sensibel, verschlossen. Ich habe mich damals gewundert, dass er seinen Namen von Ludwig Mattausch in Josef Mattausch änderte. Aber als ich in der Pubertät anfing, Fragen zu stellen, wich er mir aus. Als Kind hatte ich vieles von ihm übernommen, zum Beispiel seinen Antisemitismus. Ich habe lange die Nazi-Zeit verharmlost. Später habe ich Menschen kennengelernt, die Juden waren, und mich für meine Gedanken geschämt. Meine Karriere habe ich Juden zu verdanken: meinem Phonetik-Lehrer in Frankfurt, Theodor Steiner, dem Regisseur Peter Zadek, der mir eine neue Sichtweise auf die Kunst eröffnete.
Ist es Ihnen gelungen, mit Ihrem Vater Frieden zu schließen?
Mattausch: Wenn ich mich heute im Fernsehen sehe, bin ich überrascht, dass ich ihm immer ähnlicher sehe. Sein Lachen, seine Haltung. Ich bin ein Zitat von ihm. Früher hätte ich das nicht hören wollen. Ich habe gegen ihn gekämpft – und dadurch auch gegen mich. Heute muss ich mich nicht mehr abgrenzen, ich weiß, wer ich bin.n
