Marx auf dem Hügel
Er kann weder lesen noch schreiben, doch er trägt einen Ehrendoktortitel und erfand eine Philosophie, auf die Karl Marx stolz wäre. Dabei kennt er Marx nicht einmal. Zumra Nuru, der sein kahles Haupt stets mit einer neongrünen Haube bedeckt, steht dem Dorf Awra Amba vor. In dieser kleinen Siedlung im Norden Äthiopiens ist jeder Glaube verboten. Männer und Frauen leben gleichberechtigt, und alle Bewohner verdienen genau gleich viel. Rund 250 Euro – im Jahr. Der ehemalige Wanderprediger ist sich sicher: »Awra Amba ist das Paradies auf Erden.« Nuru hat es sich im Schatten bequem gemacht, während die anderen 361 erwachsenen Bewohner seines Dorfes auf dem Feld, in der Mühle, in der Weberei oder in ihren kleinen Lehmhütten schuften.
»Ich war zwei Jahre alt, als ein Freund mir ein Stück Rindfleisch schenkte. Als ich damit nach Hause kam, schlugen meine Eltern mich, weil mein Freund Christ war, seine Familie die Kuh anders geschlachtet hatte, als meine Eltern es getan hätten«, erzählt der Sohn streng muslimischer Eltern. Das Kindheitserlebnis wurde zum Nährboden seiner Philosophie. Auch dass seine Mutter fast die gesamte Arbeit allein erledigen musste und von Nurus Vater auch noch Schläge bekam, akzeptierte Nuru nicht. Er träumte von einer Welt ohne Religion und männliche Vorherrschaft. Doch als er seine Ideen im streng religiösen und von Kaiser Haile Selassie patriarchalisch regierten Äthiopien der 1950er-Jahre laut aussprach, wurde er von seiner Familie kurzerhand für verrückt erklärt und mit 13 Jahren aus dem Dorf vertrieben.
Er fand 19 Jünger, ein paar mehr als Jesus
Jahrelang zog Nuru als Wanderprediger durchs Land. Auf den Feldern und in den Hütten fand er Zuhörer, doch traute sich niemand zu denken, was der Prediger in den Lumpen dachte, und zu leben, was er predigte. Über zwölf Jahre dauerte es, bis er schließlich 19 Jünger gefunden hatte, die das Experiment mit ihm wagten, ihren christlichen und muslimischen Glauben aufgaben und knapp 700 Kilometer nördlich von Addis Abeba die visionäre Siedlung Awra Amba (deutsch: »Auf dem Hügel«) gründeten.
»Am Anfang wurden wir sowohl von Christen als auch von Muslimen als Gottlose angefeindet und mit Steinen beworfen. Mittlerweile haben sie erkannt, dass wir gute Menschen sind. Dafür brauchen wir keine Kirche und keine Moschee. Wer einer Religion folgt, isoliert sich so nur von den anderen. Falls es einen Gott gibt, will er sicher lieber, dass wir arbeiten, anstatt ihm ständig zu huldigen«, glaubt Nuru.
Wenn einer seiner Dorfbewohner stirbt, verscharren zwei Mitglieder der Gemeinde den Leichnam schnell, dann gehen sie wieder ihrer Arbeit nach. Kein Grabstein, kein Kreuz wird an den Toten erinnern. »Ich war noch nie am Ort des Todes, und ich kenne niemanden, der schon einmal dort war. Daher weiß ich nicht, ob es ein Leben nach dem Tod gibt. Aber falls es so etwas wie das Jüngste Gericht gibt, haben die Bewohner Awra Ambas sicher keine schlechten Karten, denn sie haben auf Erden anständig gelebt«, scherzt der Dorfvorsteher.
In seinem Dorf gehen alle Kinder zur Schule. Nuru, der vierfach Geschiedene, der jetzt mit einer 22 Jahre jüngeren Frau verheiratet ist, hat selbst so viele Kinder, dass er angeblich keine Zeit hat, sie zu zählen. Mit Stolz berichtet er, dass die in Äthiopien weitverbreitete Zwangsheirat von jungen Mädchen in Awra Amba abgeschafft ist, dass weibliche Genitalverstümmelung und Kinderarbeit strengstens verboten sind und dass alle Frauen Anspruch auf drei Monate Mutterschutz haben.
Keine Frage: Das Leben in Awra Amba ist besser als in den meisten anderen Dörfern des Landes. Kindersterblichkeit und Kriminalität sind niedriger, der Lebensstandard höher. 431 Kinder, Frauen und Männer wohnen in dem Dorf, und noch nie soll ein Mitglied die Gemeinschaft freiwillig wieder verlassen haben.
Ohne Religion kein Feiertag
Doch auch wenn Nuru mit sich und seiner Welt zufrieden ist, sieht er nicht nur fröhliche Gesichter, wenn er durch Awra Amba spaziert. Viele Jungs und Mädchen sehen mit ihren ernsten Gesichtern aus wie kleine Erwachsene. Und viele Erwachsene sehen erschöpft aus. Kein Wunder, denn sie arbeiten an sieben Tagen in der Woche, 52 Wochen im Jahr. Ohne Religion kein Feiertag, ohne Feiertag keine Pause. Und das Feiern haben die Bewohner Awra Ambas ohnehin nicht erfunden. Selbst Hochzeiten werden schnell an einem normalen Arbeitstag abgewickelt.
Nur am 11. September, dem äthiopischen Neujahr, ruht die Arbeit. »Grün ist die Farbe des Wohlstandes«, sagt Zumra Nuru und deutet auf seine quietschgrüne Mütze, die wie eine Mischung aus Flokati-Teppich und Omas Badehaube aussieht. »Wenn wir Wohlstand erreichen wollen, müssen wir jeden Tag hart arbeiten«, sagt der Philosoph und schlendert weiter, um seinen Leuten bei der Arbeit zuzusehen.n
