Kolumne von Anne Lemhöfer
Peng, du bist tot
Ich will ja, dass meine Kinder glücklich sind. Natürlich bekam mein Sohn zum vierten Geburtstag die heiß ersehnte Polizeistation von Playmobil. Ich seufzte, als sich das Monstrum nach dreieinhalb Stunden Aufbauen als martialische Law-and-Order-Trutzburg nach amerikanischem Vorbild entpuppte, inklusive Knast und »Verbrecher«. Der »Verbrecher« war ein punkig angezogener Jugendlicher in Lederjacke. Sein Fluchtfahrzeug: ein Skateboard. Meine Güte, was hatte ich da bloß per Klick im Internetladen mit dem großen A in den Warenkorb befördert? Aber zu spät. Es war die Nacht vor dem Geburtstagsmorgen, im Ofen duftete der Schokoladenkuchen. Ein Stockwerk höher schlief mein süßer, sanfter Junge mit seinem Stoffhasen im Arm und einem Lächeln der Vorfreude auf den Lippen. Zu spät, die Polizeistation gegen die Arche Noah umzutauschen. Wir waren fast fertig, als ich ein kleines, beiliegendes Tütchen öffnete. Es war voller Handfeuerwaffen in Stecknadelgröße. Kurz entschlossen schmiss ich die Mini-Knarren alle in den Müll. Sechs Stunden später stürzte sich der Sohn juchzend auf seine Polizeistation. Und fragte wenig später: »Mama, waren da keine Pistolen dabei?« Ich murmelte: »Weiß nicht, haben die vielleicht vergessen …«
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Anne Lemhöfer, geboren 1978, ist Redakteurin bei der Frankfurter Rundschau und freie Autorin. Sie lebt mit ihrer Familie in Frankfurt am Main. Die Kolumne schreibt sie im Wechsel mit Katharina Müller-Güldemeister und Fabian Vogt.

