Forschung ohne Affen?
Silke Strittmatter: »Ja, diese Forschung ist qualvoll und unnötig«
»Versuche an Affen sind ebenso wenig zu rechtfertigen wie Tierversuche im Grundsätzlichen. Die Hirnversuche sind für die Tiere qualvoll und für die Entwicklung von Therapien für Erkrankungen des Menschen weder notwendig noch klinisch relevant. Es handelt sich um zweckfreie Grundlagenforschung.
Die Affen werden durch Durst gezwungen, jeden Tag stundenlang mit angeschraubtem Kopf Aufgaben am Bildschirm zu erfüllen. Über ein Bohrloch im Schädel werden Elektroden in das Gehirn eingeführt, bei manchen Tieren zudem eine Metallspule ins Auge eingepflanzt und Elektroden in die Sehrinde getrieben. Nur wenn die Tiere »kooperieren«, erhalten sie über einen Schlauch im Mund etwas Saft, sie müssen sich ihre lebensnotwendige Flüssigkeitsration »erarbeiten«. Diese Qual kann Jahre dauern, nur damit Forscher untersuchen können, wie ein Affe zählt oder auf Gesichter reagiert. Die Nutznießer sind nicht etwa kranke Menschen, sondern Experimentatoren, die sich mit Veröffentlichungen profilieren und Forschungsgelder einstreichen.
Bildgebende Verfahren oder die Forschung an menschlichen Zellen aus medizinisch notwendigen Operationen liefern im Gegensatz zum Tierversuch wertvolle Erkenntnisse über das Menschenhirn. Grund für das Scheitern der tierexperimentellen Hirnforschung sind die Unterschiede zwischen Mensch und nichtmenschlichen Primaten.
Das Affenhirn hat keine Bereiche für Sprache, Lesen oder Musik, und das Menschenhirn hat zur Verarbeitung von visuellen Reizen Hirnbereiche, die im Affenhirn fehlen. Die Schädigung eines Bereichs des motorischen Systems verursacht beim Menschen einen Ausfall von Sprache und Muskelbewegungen, beim Affen kommt es nur zu einer geringen Beeinträchtigung. Ein Ende der Primatenhirnforschung ist im Sinne einer ethischen und für den Menschen relevanten Medizin erforderlich.«
Wolf Singer: »Nein, denn diese Forschung dient den Menschen«
»Untersuchungen an Primaten sind unverzichtbar für die Forschung, weil diese Tiere dem Menschen so ähnlich sind. Dies gilt vor allem für Hirnfunktionen. Für die schweren psychiatrischen Erkrankungen – die Schizophrenie, die Manien und die Depression –, von denen im Laufe des Lebens mehr als zwei Prozent aller Menschen heimgesucht werden, gibt es keine kausal wirksamen Therapien. Denn diese Erkrankungen beruhen auf Störungen sehr komplexer kognitiver Funktionen, und deren neuronale Grundlagen sind weitestgehend unverstanden.
Neurobiologische Experimente mit Nagern haben grundlegende Erkenntnisse über die Funktion von Neuronen und kleinen Schaltkreisen erbracht. Aber wir verstehen nicht, wie aus deren Zusammenwirken die höheren kognitiven Leistungen entstehen, die bei psychischen Erkrankungen gestört sind. Hier hilft die Erforschung von Nagergehirnen nicht weiter. Deren Entwicklung beruht auf gänzlich anderen genetischen und epigenetischen Programmen, weshalb ihnen jene Hirnrindenregionen fehlen, deren Fehlfunktion als Ursache für psychische Erkrankungen vermutet wird.
Die Wissenschaftsgeschichte beweist, dass der Weg zu gezielten Therapien durch die Grundlagenforschung bereitet wird. Dass heute Hunderttausende Parkinsonpatienten ihre Bewegungsstörungen mit Hirnschrittmachern beherrschen können, geht direkt auf Versuche mit nichtmenschlichen Primaten zurück.
Die Pharmaindustrie hat sich aus der Entwicklung von Medikamenten zur Behandlung psychischer Erkrankungen zurückgezogen, weil die wissenschaftlichen Grundlagen fehlen. Auf deren Erforschung zu verzichten ist vorsätzlicher Verzicht auf Hilfeleistung. Beendeten wir hier in Europa diese Forschung, würde sie andernorts fortgesetzt, oft unter weniger strengen Auflagen.«
Wolf Singer, geboren 1943, ist Hirnforscher. Seit seiner Emeritierung führt er das »Singer-Emeritus-Department« am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main.
