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Soll man Bettlern Geld geben?

In Fußgängerzonen und vor Kirchen sitzen sie und bitten um eine Gabe. Viele Passanten sagen »Nein«, andere geben fast jeden Tag etwas. Ist das gelebte Nächstenliebe? Uns interessiert Ihre Meinung! Argumente? Finden Sie in diesem Pro und Contra von Kardinal Woelki und Alfred Preuß von der Heilsarmee
vom 05.08.2016
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Für Kardinal Rainer Maria Woelki (links)  ist der Euro, den man Bettlern gibt, ein »ehrliches Zeichen der Zuwendung«, für Alfred Preuß von der Heilsarmee dagegen »oft schädlich« (Fotos: Erzbistum Köln; Deutsche Heilsarmee)
Für Kardinal Rainer Maria Woelki (links) ist der Euro, den man Bettlern gibt, ein »ehrliches Zeichen der Zuwendung«, für Alfred Preuß von der Heilsarmee dagegen »oft schädlich« (Fotos: Erzbistum Köln; Deutsche Heilsarmee)

»Man sollte Bettlern Geld geben, denn der Euro, den ich im Vorbeigehen gebe, kann ein ehrliches Zeichen der Zuwendung sein. Die Situation kennt doch jeder: Menschen, die auf der Straße leben, bitten uns um Geld – sollen wir ihnen etwas geben oder nicht? Der Kopf sagt vielleicht: Nein, denn das Geld könnte ja in Alkohol und Zigaretten fließen. Das Herz sagt hingegen: Ja, warum nicht? Er braucht den Euro dringender als wir.

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Tatsächlich geht es hier aber um mehr als eine finanzielle Abwägung; die Situation wirft jedes Mal die Frage auf: Wie gehe ich mit Menschen um, die meine Hilfe benötigen; denen es schlechter geht als mir; die plötzlich in Not geraten sind; die nicht wissen, wie es weitergehen soll in ihrem Leben? Es geht dabei immer um mehr als um das Geben von Almosen. Menschen brauchen Arbeitsplätze, faire Löhne, Familien benötigen menschenwürdige Wohnungen und Kinder brauchen Bildung. Denn Almosen allein verändern die Lebenssituation nicht dauerhaft, sondern belassen Menschen in der Abhängigkeit.

Mitleid zu haben, dem Nächsten helfen zu wollen – das sind Haltungen, die in jedem Menschen zu wecken sind. Herbert Grönemeyer singt dazu treffend: »Und der Mensch heißt Mensch, weil er irrt und weil er kämpft, weil er hofft und liebt, weil er mitfühlt und vergibt und weil er lacht, und weil er lebt.«

Mein Euro für den Mann oder die Frau auf der Straße kann ein solches Zeichen der Zuwendung sein – aber darin darf sich die Zuwendung nicht erschöpfen. Darüber hinaus braucht es den Einsatz für einen funktionierenden Sozialstaat und immer wieder das Gespräch von Mensch zu Mensch. Wirkliche Barmherzigkeit will dem Menschen an der Wurzel helfen: im Moment und darüber hinaus.«

Alfred Preuß: »Nein! Das ist oft schädlich«

»Die Heilsarmee ist seit vierzig Jahren meine Gemeinde. In ihrem Auftrag heißt es, »menschliche Not ohne Ansehen der Person« zu lindern. Dennoch bin ich der Ansicht, Bettlern einzig Geld zu geben reicht nicht. Damit werden wir der sozialen Verantwortung, die wir tragen, nicht gerecht. Oft ist es sogar schädlich.

Da sind zum einen die Banden, die in Not geratene Menschen ausnutzen, um durch erbetteltes Geld an beträchtliche Gewinne zu kommen. Den »Bettlern« nützt das gar nichts. Suchtkranke geben das Geld vor allem für Alkohol aus. Ich kenne viele Obdachlose und Alkoholkranke aus den Sozialsprechstunden der Heilsarmee. Vergangenes Jahr machte ich eine traurige Erfahrung: Ein Mann kam regelmäßig zur Essensausgabe, oft sprach ich mit ihm über seine Alkoholsucht. Ich nahm Kontakt mit der Suchtberatung auf und auch mit seinem Betreuer, alle Versuche, ihn zu einer Therapie zu bewegen, blieben erfolglos. Dann kam er nicht mehr. Ich hörte, dass der Fünfzigjährige tot unter einer Brücke gefunden wurde.

Daher mein Nein zu der Frage, ob man Bettlern oder Hilfesuchenden Geld geben soll. Der Euro reicht nicht, das belegte Brötchen reicht nicht und auch das Lebensmittelpaket und der Fahrschein reichen nicht, wenn wir die Augen vor der Not verschließen, die sich hinter der Frage nach dem Euro verbirgt.

Ich habe einer Frau immer wieder mit einem Wocheneinkauf geholfen. Doch erst als ich anfing, Ordnung in ihre Finanzen zu bringen, und als ich sie davon überzeugen konnte, alle Versandkataloge abzubestellen und Paketsendungen wieder zurückzuschicken, bekam sie langsam ihre Finanzen in den Griff. Mit einem vernünftigen Ratenplan sind ihre Schulden auch bald abgezahlt. Daher meine Devise: Almosen nein – Helfen ja.«

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Personalaudioinformationstext:   Rainer Maria Woelki, geboren 1956, ist Kardinal der römisch-katholischen Kirche und seit September 2014 Erzbischof von Köln.
Alfred Preuß, geboren 1954, leitet die Heilsarmee-Gemeinde in Siegen, ist als Ausbildungsoffizier tätig und gehört zum Hauptvorstand der Deutschen Evangelischen Allianz.
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