Das Cassandra-Projekt
Das Bundesverteidigungsministerium beauftragte 2017 den Germanistikprofessor Jürgen Wertheimer mit dem Projekt »Krisenfrüherkennung durch Literaturauswertung«. Auch der nigerianische Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka war beteiligt. Dahinter steht der Gedanke, dass Schriftsteller Seismografen ihrer Zeit sind und atmosphärische Veränderungen in ihren Gesellschaften frühzeitig wahrnehmen und verarbeiten. Wertheim hat dafür vielfältige Belege gesammelt. Seinen Ansatz nennt er das Cassandra-Phänomen, denn wie die Warnungen der hellseherischen trojanischen Königstochter fänden auch die Hinweise von Schriftstellern kaum Beachtung. Er ist überzeugt: Eine systematische Auswertung von Literatur kann helfen, Konflikte zu erkennen, bevor sie sich zuspitzen. Zu der für 2018 angekündigten Ergebnispräsentation des Projekts kam es aber nicht. Das Ministerium setzt bei der Früherkennung nun lieber auf »Big Data«, also auf elektronische Datenanalysen.
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