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Aneinander kleben

»Als ob nicht« – mit Kurt Schwitters »merz«haft über Beziehung nachdenken
von Udo Feist vom 23.01.2024
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V erlieren kann man nur, was man hat – und finden, was man nicht hat. Das ist, kurz gefasst, auch das Prinzip der Collage. Zunächst ganz praktisch, denn sie arbeitet mit Fundstücken. Im Zusammenfügen werden sie Gestalt, hier als »Mz 246. rot und gestreift«: Papier und Stoff auf Zeitungspapier verklebt, wohl ein Fetzen Küchenhandtuch, rotweiß-kariert, fast mittig als Säule, an der entlang das Rot oben zu dem unten fließt. Sie korrespondieren, ähnlich wie das grauschwarze Dreieck und das Liniengitter, das am Rand Blau zulässt. Halt geben allem sepiafarbene Papierausrisse, die das Bild mild prägen und zugleich Vergilben, Altern atmen. Angeschnittene, zur Wortergänzung reizende Buchstaben, ein Billet-Schnipsel und montierte Ziffern verweisen auf Erahntes. Botschaften sind sie aber nicht. Der Blick wandert, fühlt sich auf »Mz 246« wohl, erfasst Muster, Farben und Formen, die zueinander in Beziehungen stehen. Rätsel und Erkennen halten sich die Waage. Ein lebhaftes Begegnen, so sehr da auch ihrer Tradition treue Anhänger der Vogelschiss-Partei von entartet faseln mögen. Das ist Kurt Schwitters (1887-1948) schon in den originalen Vogelschissjahren widerfahren. Hannovers Oberdadaist – wir denken an die »Ursonate« und »Anna Blume« (Du bist von hinten und von vorne:/A – N – N – A./Anna Blume,/Du tropfes Tier,/Ich – liebe – Dir!) –, ist ein früher Meister der Collage. Seine Bedeutung für die Kunst des 20. Jahrhunderts ist kaum zu überschätzen. Geklebt hat er das Bild 1921, in einer Zeit, der alles zuvor als ehrenwert und verlässlich Geglaubte aus dem Leim gegangen war. Bloß Trümmer blieben. Da lag Collagieren nahe: Verlieren kann man nur, was man hat, und finden, was nicht. Eine Einsicht, die nah am Leben ist. Wir neigen zwar dazu, es als Puzzle aus vorgestanzten Teilen anzusehen, die es gelte, an den rechten Platz zu bringen. Doch dem widerspricht die Erfahrung ebenso wie das Nachdenken: Was passt, zeigt und ergibt sich, es wird gefunden. Puzzle-Glaube hingegen zielt aufs Haben, und das ist illusionär. Sicher bleiben Bilder des Erlebten, nur haben wir sie nicht. Und das Finden hört ja nicht auf. Stets folgen weitere Bilder, so wir dafür offen sind. Mit Absicht zu suchen wäre indes keine gute Idee. Es verführte dazu, Vorgestanztes und Leben zu verwechseln. Die Zählung im Titel »Mz 246« deutet es leise an: Schwitters war mal auf die Druckzeile »Commerz- und Privatbank« gestoßen. »merz« riss er aus und verklebte es. Alle weiteren Assemblagen nach dem Prinzip, und das waren viele, nannte er denn auch Merzbilder, woraus später »Merz«kunst wurde: Arbeit mit Bruchstücken, die sich zueinander fügen. Zu »haben« sind sie bloß im Augenblick, und der vergeht wie bei den »Lilien auf dem Felde« aus der Bergpredigt. Von Konten, auf die man einzahlt, ist das denkbar weit entfernt.

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Schlagwort: Beziehung
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