Engel kommen und gehen
Im abgedunkelten Raum entstehen auf überdimensionalen Bildschirmen unregelmäßige Lichtmuster, die plötzlich wieder verschwinden, den Schirm in die Dunkelheit zurücktreten lassen, um dann irgendwann plötzlich wieder aufzuflackern. Manchmal meint die Betrachterin, nachts aus dem Fenster eines Flugzeugs zu blicken und weit unten Ansammlungen von Lichtpunkten – menschliche Siedlungen – zu sehen. Die Lichtpunkte vermehren sich, bis eine menschliche Gestalt erscheint, um sich rasch wieder in Licht aufzulösen, während auf dem Schirm am anderen Ende des Saales, viele Schritte entfernt, Lichtwirbel dichter werden, plötzlich erscheinen Fragmente der Gestalt eines Menschen – für Sekundenbruchteile, dann löst sich das Bild wieder in Lichtwirbel und Dunkelheit auf, während auf einer anderen Leinwand ein Wasserstrudel geräuschvoll einsetzt, von dessen Grund ein kopfunter liegender menschlicher Körper – oder ist es eine Statue? – in die Höhe gerissen wird, um im Wasserstrudel zu verschwinden. »Five Angels for the Millennium« nennt Bill Viola diese Videoinstallation, die im Salzburger Museum der Moderne zu sehen war. Premiere hatten diese fünf Videosequenzen 2003 in einem Signaturgebäude der industriellen Revolution, im Gasometer von Oberhausen. Viola war fasziniert von der Akustik des Baus: Der Hall sei deutlich länger als in einer Kathedrale. Der Vergleich mit der Kathedrale kam nicht von ungefähr: Erstens versteht Viola seine Videoarbeiten als Werke, die aus Transzendenzerfahrungen kommen und Transzendenz erfahrbar machen, und zweitens hat er immer wieder in Kathedralen ausgestellt. In Durham, dessen gotische Kathedrale zum Weltkulturerbe zählt, zeigte er 1996 »Messenger«, eine Videosequenz, in der sich aus einem wässrigen Milieu langsam ein nackter Mann materialisiert, auftaucht ins warme Licht, und nach einigen Atemzügen – er scheint etwas zu sagen – wieder verschwindet.
Sie haben bereits ein
-Abo? Hier anmelden
Ursula Baatz, geboren 1951, ist Autorin und Zen- und Achtsamkeitslehrerin in Wien.
