Leserbrief
Erinnerungen geweckt
Zu: »Kampf um die Jugend« (4/2025, Seite 50-51)
Ihr Beitrag über die Verfolgung der »Jungen Gemeinde« in der DDR hat bei mir viele Erinnerungen geweckt. Ich sehe noch deutlich vor mir, wie auch mein Name auf einer Liste angeblicher US-Agenten auf dem schwarzen Brett der Schule auftauchte und ich Stellung beziehen musste. Ein paar Monate später wurde die Aktion abgeblasen. Staat und Kirche hatten sich arrangiert. Meine Klassenkameraden, die von der Schule verwiesen worden waren, durften zurückkommen (sie hatten sich jedoch schon alle in den Westen abgesetzt). Die DDR schwankte sehr bei der Frage, wie man mit den Kirchen umgehen solle. Auf der einen Seite wollte man die Kirchenleute als Bundesgenossen gewinnen. Schließlich gab es ja auch einen religiösen Sozialismus. Auf der anderen Seite war Religion das Gegenteil der gewünschten materialistischen Weltanschauung. Bei der Jungen Gemeinde gab es Jugendarbeit im Stile der Jugendbewegung, also mit Lagerfeuer, Gitarre und Mundorgel. Das war in den Wirren der Pubertät wie ein zweites Zuhause. Da konnte die staatliche Konkurrenz, die FDJ, nicht mithalten. Die hatte nur endlose Schulungen zu bieten. Bei der Jungen Gemeinde pflegten wir natürlich auch ein elitäres Selbstbewusstsein, fühlten uns als die besseren Menschen, schließlich wussten wir ja Gott und Jesus auf unserer Seite. Voller Stolz trugen wir unser Mitgliedsabzeichen, ein kleines Ansteckkreuz über einer Weltkugel. Sehr zum Ärger des Staates, der ähnlich umfassende Ansprüche verfolgte. Holm Roch, Iserlohn
