Kino-Tipp
Mit der Faust in die Welt schlagen

Kino. Ein stiller Waldsee ist für Tobi und Philipp zunächst ihr Rückzugsort vor der steigenden Spannung in ihrem Alltag. Denn das Glücksversprechen des selbstgebauten Hauses, das ihre Familie bezieht, erfüllt sich nicht. Das Haus bleibt eine Dauerbaustelle, in der ständig Heizung und Strom ausfallen und den hart arbeitenden Eltern schließlich die Liebe abhanden kommt.
Während der neunjährige Tobi, kummervoller Beobachter des Zerfalls, sich in sich zurückzieht, nähert sich der 12-jährige Philipp in der Schule den brutalen Mackern an. In einer von Saufen und fremdenfeindlichen Streichen zusammengehaltenen Kumpanei findet er zunächst eine Ersatzfamilie. Tobi schreit sich seinen Frust heimlich aus dem Leib. Und läuft schließlich auch in Philipps Clique mit, was diesen schlagartig zur Vernunft bringt. Doch wird sein kleiner Bruder die Kurve kriegen?
In dieser stimmungsvollen Verfilmung des Romans von Lukas Rietzschel über eine Jugend in Ostsachsen ist die Handlung auf das Jahr 2006 und eine Anekdote im Jahr 2015 verkürzt. Mehr impressionistisch als erklärend, kommen DDR- und Nachwendezeit als melancholische Unterströmung ins Spiel. Auch die Schilderung der lokalen Neonazi-Subkultur ist weder dämonisierend noch entschuldigend. Mit knappen Strichen werden die Fährnisse in einer strukturschwachen Gegend und die Porträts gebrochener Männer und gestresster Frauen skizziert, die ihren Kindern keinen Halt geben können – und umgekehrt. Erzählt aus Kindersicht, ist dies zugleich ein Film über Momente der Sorglosigkeit in einer Naturidylle, die den Brüdern kleine Fluchten aus dieser unguten Dynamik erlaubt. Anders als im Roman stehen hier weniger die Radikalisierung an sich im Fokus als vielmehr die tiefen Verunsicherungen, die ihr den Boden bereiten. In diesem epischen Coming-of-Age-Drama spiegelt sich die deutsche Gegenwart.
? Mit der Faust in die Welt schlagen (D 2025). Film von Constanze Klaue, 110 Min. Ab 12 J.
