Editorial
Über Dietrich Bonhoeffers Rede von Gott, Donald Trumps Visionslosigkeit und Thomas Manns Glauben

ich bin in der Nähe des Konzentrationslagers Dachau aufgewachsen, an dessen Außenmauern sich ein Karmelitinnenkloster befindet. Im Vorhof der Kirche, die in ihrer Form einer Häftlingsbaracke nachempfunden ist, steht eine Vitrine. In ihr werden liturgische Gegenstände ausgestellt, die, heimlich angefertigt, im sogenannten »Priesterblock« benutzt wurden. Wer diesen Ort betritt, spürt mit jeder Faser, welches Gewicht das Wort »Gott« hat, und wie oft es verharmlost, verkitscht und beschmutzt wird. Wer aus der Kirche tritt, dessen Blick fällt automatisch auf das triste und aus diesem Winkel geradezu endlose Gedenkstättengelände. Wo war Gott, als er nicht da war? Daran musste ich denken, als ich den Beitrag von Christoph Fleischmann über Dietrich Bonhoeffer las, dessen scharfsinnige Gedanken von der An- und Abwesenheit Gottes einhergingen mit dem bewundernswerten Mut, dem »Rad in die Speichen zu fallen«. (Seite 12)
Vor der Gestalt Bonhoeffers wirkt der amerikanische Präsident umso mehr als rachsüchtiger und komischer Zwerg, der alles daransetzt, als Messias bewundert zu werden, ohne dabei eine Vision zu haben. Zugleich muss man einräumen, dass Donald Trump gewaltige Möglichkeiten hat, die Weltläufe so zu verändern, dass alle den Atem anhalten. Constantin Wißmann geht der Frage nach, warum Trump das so wichtig ist. Seine Antwort beginnt auf Seite 20.
Publik-Forum EDITION
»Das Ende des billigen Wohlstands«
Wege zu einer Wirtschaft, die nicht zerstört.»Hinter diesem Buch steckt mein Traum von einer Wirtschaft, die ohne Zerstörung auskommt. / mehr
Im Spannungsfeld von faschistischer Macht, blindem Fanatismus und dramatischen gesellschaftlichen Umbrüchen hat Thomas Mann die Kraft des Christentums neu entdeckt, obwohl er als junger Mann von der frömmelnd-bürgerlichen Attitüde des damaligen Christentums abgestoßen wurde. Karl-Josef Kuschel zeigt diesen spannenden, in der Rezeption oft unbeachteten Entwicklungsprozess auf und bezeichnet den Schriftsteller als einen ungläubig Gläubigen, was in gewisser Weise wieder an Bonhoeffer erinnert (Seite 44). Ob das Christentum in unseren Breitengraden eine Renaissance erlebt, ob gar die Kirchen als Orte der Zivilgesellschaft neu entdeckt werden? Die neuesten Mitgliedszahlen weisen nicht darauf hin. Doch die Geschichte ist offen. Und, wie Chefredakteur Matthias Drobinski in seinem Hauptkommentar schreibt, es braucht unruhige, wache und zornige Menschen, die das »große Egal« durchbrechen.
Eine bereichernde Lektüre wünscht
Michael Schromist Leiter des Ressorts »Religion und Kirchen«.
Foto: Ute Victor
