Was Menschen machen, um ihre Angst nicht zu zeigen

Roman. »Ich bin vierunddreißig Jahre alt und habe Angst«, so stellt sich die Protagonistin im Roman »Lebensversicherung« vor. »Ich habe meine Angst und die Angst meiner Mutter. Ich habe die Angst meines Vaters. Die Angst von Oma F und Opa F. Die Angst von Oma G und Opa O. Ich habe die Angst unseres Dorfes und die Angst des Neubaugebiets.« In ihrem ersten Roman berichtet die Berliner Lyrikerin Kathrin Bach vom Großwerden in der hessischen Provinz in den 1990er-Jahren. Bach tut dies in kurzen, manchmal nur wenige Zeilen langen Kapiteln, die keine lineare Folge ergeben, sondern eher eine Collage bilden mit wiederkehrenden Themen. Die Eltern der Protagonistin verkaufen Versicherungen wie schon die Großväter. Daraus ergibt sich ein Blick auf das Leben, der auf Risiken und Unglücksfälle fokussiert.
Dank des beiläufigen Erzählstils der Autorin ist das manchmal komisch. Aber es entsteht das Bild einer Umgebung, die die Protagonistin Angst gelehrt hat. Wobei die Angst nicht nur eine Déformation professionelle der Versicherungsmenschen ist. Mit Tod, Krankheit und Straßenverkehr müssen alle umgehen im Neubaugebiet. An einem persönlichen Schicksal entwirft Kathrin Bach eine kleine Sozialpsychologie der deutschen Provinz, die zeigt, woran alle kranken: dass sie ihre Angst verstecken und ihre Wunden nicht zeigen. Dass sie, statt ihre Ängste mitzuteilen und sich füreinander zu öffnen, lieber zu kuriosen Abwehrmechanismen greifen. Fast alle schließen sogar Versicherungen ab.
Kathrin Bach: Lebensversicherung.
Voland & Quist. 240 Seiten. 24 €
