Wenn tote Geister wieder tanzen
Betrachtet man dieses Bild Kirchners länger, so scheint einen die Spannung fast zu zerreißen. Fünf maskierte Gestalten marschieren in Reih und Glied. Ihr Blick ist fatalistisch. Ihre Haltung ist resigniert. »Die Gräber öffnen sich und geben ihre Toten frei.« So leitete Mary Wigman die Szene des Totentanzes II ein, den sie 1926 uraufführte. Kirchner war bei den Proben anwesend und von der Inszenierung zutiefst fasziniert. Wigman war die Erste, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts den modernen Tanz auf die Bühnen Europas brachte. Die Spannung, die hier zusammenkommt, liegt vor allem im Ausdruck der Lebendigkeit, die der moderne Tanz zum ersten Mal auf deutsche Bühnen brachte. Freie Formen, dynamischer Ausdruck, fast fließende Körper. Die strenge, rhythmische Raumgestaltung des klassischen Tanzes war völlig aufgehoben. So lebendig hatte man den Tod noch nie gesehen.
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Daniel Rumel, geboren 1981, ist katholischer Theologe und Mitglied im Verein für Bildtheologie.

