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Warum hast du mich weggegeben?

Meine leibliche Mutter hat mich zur Adoption freigegeben. Mit vierzehn habe ich sie kennengelernt. Das war wichtig, denn heute weiss ich, wo ich hingehöre
von kristina h. vom 04.05.2012
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Ich wurde gleich nach der Geburt zur Adoption freigegeben. Mit sechs Jahren begann ich mich für meine Geschichte zu interessieren. Ich habe stets gesagt, dass ich adoptiert bin und dass meine Eltern nicht meine »richtigen« Eltern seien. Von meinem zwölften Lebensjahr an begann ich, mich intensiver mit den Fragen zu beschäftigen: Wer bin ich, wo komme ich her, habe ich Ähnlichkeiten mit meiner leiblichen Mutter und warum bin ich so, wie ich bin? Ich interessierte mich eigentlich nur für meine leibliche Mutter, nicht für meinen leiblich Vater. Ich fragte meine Adoptiveltern nach ihrem Namen oder einer Adresse. Sie gaben mir den Namen. Meine Neugier wurde immer stärker. Mein Adoptivvater hatte in seinem Büro in unserem Haus Ordner für mich und meinen Bruder (der ebenfalls adoptiert worden war, jedoch aus einer anderen Familie als ich) angelegt. Und so ging ich heimlich ins Büro, als meine Adoptiveltern nicht zu Hause waren, und suchte diesen Ordner. Ich fand ihn und blätterte ihn aufgeregt durch. Ich las meine Geburtsurkunde. Mein Geburtsdatum stimmte, jedoch mein Name nicht. Dort stand ein anderer Name als der, den ich jetzt habe. Meine leibliche Mutter hatte mir einen anderen Namen gegeben, den meine Adoptiveltern nicht übernahmen, sie suchten sich einen neuen Namen für mich aus. Ich war wütend und sauer auf meine Adoptiveltern, erzählte ihnen jedoch nichts von meiner Entdeckung. Ein paar Tage später holte ich das Telefonbuch aus der Schublade und versuchte, die Adresse meiner leiblichen Mutter herauszufinden. Ihren Nachnamen kannte ich ja nun, und ich hoffte inständig, dass sie diesen in all den Jahren behalten hatte. Und da stand sie, es gab nur eine Adresse zu diesem Namen. Ich nahm das Telefon und wählte die Nummer. Eine Frau meldete sich, sie klang freundlich und jung. Ich brachte nicht den Mut auf, etwas zu sagen. Ich hatte Angst davor, wie sie reagieren würde. Ich dachte: Möglicherweise will meine leibliche Mutter nichts von mir wissen, vielleicht hat sie eine neue Familie, die ich kaputt machen würde. Ich versuchte, die ganze Geschichte zu verdrängen, und dadurch wurden die Probleme, die ich zu Hause und in der Schule hatte, immer schlimmer. Ich merkte, dass mir irgendetwas fehlte, doch konnte ich nicht herausfinden, was es war, das meine Gefühle so durcheinanderbrachte. Ich litt an heftigen Gefühlsausbrüchen, ich war aggressiv und hatte selbstzerstörerische Neigungen. Mittlerweile war ich 14 und wir fragten uns alle: Wie soll es weitergehen? Und genau das war meine Chance, mehr über meine Adoption und über meine leibliche Mutter herauszufinden. Ich durfte beim Jugendamt meine Adoptionsakte lesen. Ich erfuhr, wie alt meine leibliche Mutter bei meiner Geburt war, dass ihr Alter auch der Grund für sie war, mich nach der Geburt wegzugeben, da sie keine Ausbildung hatte und es für sie keine Möglichkeit gab, mich zu versorgen. Ich war einen Schritt weiter, dennoch genügte mir das nicht, ich wollte den Kontakt zu meiner Mutter, denn ich wollte von der Frau, die mich weggegeben hatte, persönlich die Antworten auf meine Fragen hören. So kam es, dass meine Adoptiveltern mir einen Brief gaben. Es war ein Brief von meiner leiblichen Mutter, den sie mir zwei Monate nach meiner Geburt geschrieben hatte - und dieser Brief veränderte alles. Ich las: »Liebe Jessica ( Jessica hat mich meine leibliche Mutter genannt, Kristina nannten mich meine Adoptiveltern), wenn Du diesen Brief liest, weißt Du bereits, dass ich Dich zur Adoption freigegeben habe. Als ich Dich bekommen habe, war ich erst 17 Jahre alt und ging noch zur Schule. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Und nach langem Überlegen habe ich mich entschieden, Dich zur Adoption freizugeben. Ich habe dieses getan, weil ich mir sicher war, dass Du es bei anderen Eltern besser haben wirst als bei mir. Ich kann verstehen, wenn Du böse auf mich bist. Aber bitte glaube mir, auch für mich war es nicht leicht, Dich wegzugeben. Aber ich war der Meinung, dass es das Beste für uns beide ist. Du hast ein richtiges Zuhause, mit Adoptiveltern, die sich um Dich kümmern, und ich kann meine Schule fertigmachen und mit der Ausbildung anfangen. Trotzdem würde ich mich freuen, wenn Du Dich bei mir meldest, dann könnte ich Dir alles besser und genauer erklären. Außerdem würde ich gerne wissen, was aus meiner Tochter geworden ist. Natürlich ist es Deine Entscheidung, und ich möchte Dich zu nichts zwingen, denn ich kann verstehen, dass es nicht leicht für Dich ist. Aber bitte glaube mir, auch für mich ist es nicht leicht, und ich denke noch sehr oft an Dich. Ich hab Dich sehr lieb! Deine Mutti.«

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Schlagwörter: Adoption Familie Identität
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