Iris Wolff
Ein Augenblickswesen
Jedes meiner Bücher wird von einem Motto oder einem Gedicht begleitet. Ich lese es immer wieder während der Arbeit am Text. Zitate aus Lyrik und Prosa werden zu Türen in die erzählte Welt, sie stellen das her, was T. S. Eliot »Sprachgestimmtheit« nannte, jenen Zustand, der fürs Schreiben wesentlich ist. Dieses Gedicht des im Banat geborenen und 2023 in Berlin verstorbenen Lyrikers Richard Wagner hat meinen vierten Roman »Die Unschärfe der Welt« begleitet. Immer, wenn ich es las, war ich meinen Figuren nah: Florentine in ihrer Skepsis Worten gegenüber, ihrem Sohn Samuel in seiner Schweigsamkeit. Es öffnet, so paradox dies klingen mag, eine Welt jenseits der Sprache; weil es mich an meine Grenzen erinnert. Meine Vorstellung trägt mich in andere Zeiten, zu anderen Orten und Leben, doch ich werde niemals fähig sein, über mein fortwährend gefiltertes, eingefärbtes Bild der Wirklichkeit hinauszukommen, weil ich die Welt über meine Biografie und gesellschaftlichen Prägungen wahrnehme. Wenn ich in die Sprache gehe, muss ich die Stille mitnehmen, jene Dunkelstellen des Nicht-Wissens.
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Iris Wolff ist Schriftstellerin. Sie wurde in Hermannstadt in Siebenbürgen geboren und kam als Kind nach Deutschland. Im Januar erschien ihr fünfter Roman »Lichtungen« (Klett-Cotta).

