Zwei identitätspolitische Lager
Europäische Gesellschaften sind laut einer Studie identitätspolitisch in zwei verfestigte Lager gespalten: »Verteidiger« und »Entdecker«. So charakterisiert sie eine interdisziplinäre Gruppe von Wissenschaftlern des Exzellenzclusters Religion und Politik an der Uni Münster. Bei Fragen wie »Wer gehört zu unserem Land, wer bedroht wen, wer ist benachteiligt?« verlaufe die Konfliktlinie zwischen diesen beiden Gruppen. Die »Verteidiger« befürworteten ein enges Konzept der Zugehörigkeit. Sie fühlten sich durch Fremde bedroht und seien unzufrieden mit der Demokratie im Land sowie misstrauischer gegenüber politischen Institutionen. »Entdecker« hingegen seien eher zufrieden mit der eigenen Demokratie und vertrauten politischen Institutionen. Fremde wie Muslime und Geflüchtete stellten für sie keine Bedrohung dar. Ihr Zugehörigkeitskonzept sei offen. »Verteidiger« sind den Angaben zufolge in allen Ländern heimatverbundener und religiöser als »Entdecker«. Sie bevorzugten zudem gesellschaftliche Hierarchien und seien – außer in Polen – eher älter sowie weniger gebildet. »Entdecker« seien eher jung, gebildet und wohnten in Städten. Auch neigten »Verteidiger« zur Wahl von populistischen Parteien. In Deutschland machten beide Lager zusammen rund ein Drittel der Bevölkerung aus. Dabei zählten zwanzig Prozent zu den »Verteidigern« und 14 Prozent zu den »Entdeckern«. Zwei Drittel zeigen sich demnach identitätspolitisch indifferent. In einem semi-autoritär geführten Land wie Polen lägen die zwei Gruppen zusammen bei 72 Prozent. Dies zeige, dass sich polarisierte Positionen zu Mehrheiten ausweiten können, hieß es.
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