Pro und Contra
Sex-Käufer bestrafen?
Simone Kleinert:
Ja, das schreckt Freier ab!
Prostitution ist eine Menschenrechtsverletzung. Und ein System aus Gewalt und Ausbeutung. Der Fokus muss auf die Nachfrageseite gerichtet werden. Freier bestimmen die Nachfrage. Sie sind zu 99 Prozent männlich, kaufen alte und junge Frauen, Schwangere, Minderjährige, auch Männer zur sexuellen Benutzung. Durch die Legalisierung der Prostitution haben sie einen Freifahrtschein zum kommerziellen sexuellen Missbrauch erhalten und tragen wesentlich zur Zwangsprostitution bei. Die nachgefragten Praktiken werden wegen der Pornografie immer gewaltvoller und frauenerniedrigender.
Es gibt keinen guten Freier. Dem Freier geht es um Macht. Sobald er zahlt, bestimmt er. Das sogenannte Prostituiertenschutzgesetz impliziert die Freiwilligkeit der Prostituierten – ein fataler Irrglaube. Nach Strafgesetzbuch machen sich alle Freier, die die Zwangslage eines anderen Menschen durch »Sexkauf« ausnutzen, strafbar! Gab es Verurteilungen? Nein.
Wird Sexkauf kriminalisiert wie etwa in Schweden, hat dies eine normative Wirkung – und verringert automatisch die Nachfrage. Freier werden abgeschreckt, wenn sie für ihr Handeln zur Verantwortung gezogen werden können. Deshalb sollte das Nordische Modell eingeführt werden. Es umfasst Entkriminalisierung der Prostituierten, Ausstiegshilfen, Aufklärungsarbeit darüber, dass Prostitution Gewalt ist, und die Kriminalisierung von Profiteuren wie Freiern sowie Zuhältern und Bordellbetreibenden.
Was vermitteln wir unseren Söhnen, wenn sie mit ihrem Taschengeld eine 18 Jahre alte, nicht alphabetisierte Rumänin zur sexuellen Benutzung kaufen dürfen? Dass Männer Frauen in Heilige und Hure aufteilen dürfen. Nur durch die uneingeschränkte Freier-Bestrafung können wir die Gleichstellung der Geschlechter erzielen.
Ruby Rebelde:
Nein, das diskriminiert Frauen!
Das sogenannte Nordische Modell verletzt die Menschenrechte von Sexarbeitenden. Es erkennt sie nicht als gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft an, weil nach diesem Modell Sexarbeit abgeschafft werden soll. Doch wann in der Menschheitsgeschichte führten Verbote dazu, dass zum Beispiel der Alkohol wirklich verschwand?
Das zeigt ja die Nachfrage nach Sexarbeit gerade in Ländern mit Nordischem Modell. Zu meinen, dort gäbe es keine Sexarbeit mehr, ist ein Trugschluss. Das Verbot erschwert lediglich die Bedingungen für Anbietende und Kunden. Eine Wohnung mieten? Kinder großziehen? Freunde oder Familie unterstützen? Mit dem Taxi fahren? Solch normale Dinge sind für Sexarbeitende in diesen Ländern kaum möglich. Denn: Allen Personen im Umfeld einer Sexarbeitenden kann Zuhälterei oder Förderung der Prostitution vorgeworfen werden.
Menschen, die sich um das Wohl von Sexarbeitenden sorgen, sollten fragen: »Was brauchst du?«, anstatt ihnen eine »Ausstiegshilfe« aufzunötigen, die sie als Abwertung, Zwang und Viktimisierung empfinden. Sexarbeit hat soziale Voraussetzungen. Armut, soziale Ungleichheit und Unterdrückung sind globale Probleme, auf die das Nordische Modell keine Antworten hat. Sexarbeit ist deren Ausdruck, nicht das zu bekämpfende Übel.
Also bitte nicht Sexarbeitende bekämpfen, sondern Armut! Das Sexkaufverbot führt nicht dazu, dass die Gesellschaft sich den wahren Problemen stellt. Migrantische Sexarbeitende suchen bessere Lebensbedingungen. Das Nordische Modell macht ihnen das Leben schwer und übt ihnen gegenüber staatliche und strukturelle Gewalt aus. Deswegen fordern Sexarbeitende weltweit: Rechte statt Rettung! Und: Redet mit uns, nicht über uns!
Simone Kleinert ist im Lenkungskreis Bündnis Nordisches Modell und bei Terre des Femmes Dortmund aktiv. Die Sozialpädagogin und Betriebswirtin versteht sich als Radikalfeministin.
Ruby Rebelde ist Feministin und Aktivistin für die Rechte von Sexarbeitenden unter anderem im Vorstand von Hydra e. V.

