Ein gewöhnlicher Friseur
Mag das Leben auch flüchtig und manchmal desillusionierend sein, so scheint das Verlangen nach »Wahrheit«, nach »Sinn«, nach »dem Guten« unerschöpflich. Unser emotionales wie intellektuelles Leben bedürfe solcher »mythologischer« Konstrukte, schreibt der polnische Philosoph Leszek Kołakowski. Nur so seien wir fähig, beunruhigenden Phänomenen ohne Betäubung ins Gesicht zu blicken. Der »Gleichgültigkeit der Welt« beispielsweise. In seinem 1966/67 entstandenen Großessay »Die Gegenwärtigkeit des Mythos« widmet sich Kołakowski unserem Bedürfnis nach »unbedingten Realitäten«. Im körperlichen Schmerz, im Sterben und im Tod, in der Fremdheit der Natur wie der Dinge erfahren wir Kommunikation als etwas höchst Einseitiges: »Die Natur ist dem Menschen gehorsam nur in ihrer Gleichgültigkeit, nicht in Gegenseitigkeit.« Mit dieser trostlosen Diagnose mögen wir uns freilich nicht abfinden. Wir wollen Dinge »besitzen«, inmitten unserer zahllosen Spuren »unberührte« Natur erleben, in der erotischen Begegnung »eins werden« mit dem anderen. Kurz: Die Gleichgültigkeit der Welt lässt sich für Kołakowski empirisch nicht aufheben, aber doch in »mythologischen« Ausgriffen besänftigen. Erzählungen, Ideale und Exerzitien sprechen von Wahrheit und Wert, geben Auskunft über die tiefere Bedeutung von Liebe und Tod. Die so entstehenden Konzepte wie die Konflikte, die mit ihnen einhergehen, bilden den Kern unserer Kultur. Für den Philosophen erschaffen sie ein großartiges »Epos«, das seinen Reiz gerade durch die Labilität und die Unabschließbarkeit der Suche erlangt.
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Christian Heidrich ist Theologe, Lehrer und Autor. Zuletzt erschienen sein Wanderbericht »Wo bitte geht’s nach Königsberg?« (2017) und der Gedichtband »Hunde des Himmels« (2020).
