Maria voll der Gnade
Mit der schwarzen Kohle eines Streichholzes malt Großmutter Iova Calderar ein Kreuz auf Marias Stirn, auf ihre Beinchen, die Arme. Es soll Maria schützen. Maria Calderar ist das jüngste Mitglied einer Familie, die für die Familie lebt. Eine Vertreterin der Kalderasch. Es ist ihr traditionelles Handwerk, das ihnen ihren Namen verlieh. Die calderar, Kesselschmiede, lebten davon, Schnapskessel zu bauen und zu flicken, Töpfe, Schüsseln, Werkzeug, Kupferpfannen. Marias Vorfahren lebten in Zelten, zogen von Dorf zu Dorf in Transsilvanien, ehemals Ungarn, jetzt Rumänien. Die Kalderasch sind die letzten Roma, die sesshaft wurden. Doch das ländliche Rumänien wandelt sich. Von der Landwirtschaft und ihrem traditionellen Handwerk allein können sie nicht mehr leben. Also gehen sie nach Deutschland, England, Frankreich, um Altmetall zu sammeln, Spargel zu stechen, bei Amazon zu packen, Senioren zu pflegen. Und doch folgen sie weiterhin Traditionen, die Hunderte Jahre alt sind. Es ist ein Leben zwischen Ritualen, Regeln, Hierarchien und Offenheit, Lebenslust. An diesem Wochenende wird Maria getauft, acht Monate nach ihrer Geburt. Familienmitglieder reisen an. Gastfreundschaft, das heißt für die Calderar: üppig beladene Teller – und darauf einen Schnaps. »Norok!«
Sie haben bereits ein
-Abo? Hier anmelden

