Pro und Contra
Hat das Einfamilienhaus noch Zukunft?
Markus Neppl:
Ja, wenn es sich neu erfindet!
Zunächst sollte man festhalten: Nicht zukunftsfähig ist, dass sich der Siedlungsraum immer weiter hinein in die Landschaft ausdehnt. In der aktuellen Debatte wird die Typologie des Einfamilienhauses dafür allein verantwortlich gemacht. Doch das ist zu kurz gedacht. Denn Gewerbe-, Industrie- und Infrastrukturflächen wachsen wesentlich massiver und würden auch durch ein politisches Verbot des Einfamilienhauses nicht gestoppt werden.
Das Einfamilienhaus, wie wir es heute kennen, ist erst in den 1920er-Jahren entstanden und wurde durch die Förderung der Bausparkassen in den 1960er- und 1970er-Jahren für die Massen erschwinglich. Danach verbreitete es sich rasant in den suburbanen Gebieten rund um die Metropolen. Diese oft etwas tristen Vorstädte sind sicherlich kein Modell für die Zukunft.
In den vielen ländlichen Regionen könnte sich das Einfamilienhaus aber neu erfinden. Die Nahrungsmittelproduktion und Energiegewinnung auf der Parzelle, das Zusammenleben von mehreren Generationen und dank der zunehmenden Digitalisierung das Homeoffice – diese Entwicklungen könnten das Einfamilienhaus wieder zum progressiven Modell machen. Die Gebäude können zudem mit regionalen Baustoffen deutlich ökologischer gebaut werden. Also herzlich willkommen im Einfamilienhaus der Zukunft aus dem 3D-Drucker, mit Holzschindeln verkleidet und Solarzellen auf dem Dach, Arbeitsplatz im Homeoffice unter dem Dach und Kartoffeln im Garten.
Das ist vielleicht ein etwas naiv-rosiger Blick in die Zukunft. Doch kategorische Verbote helfen auch nicht weiter. Für zukunftsfähige Wohnkonzepte brauchen wir viele Optionen und den Mut, unsere Siedlungsräume neu zu denken. Wer etwas verändern will, sollte planen und nicht einfach nur verbieten.
Stefan Hartmann:
Nein, stoppt den Häuserteppich!
Auf der grünen Wiese wird laut Umfragen immer noch am liebsten gebaut. Aber die schwindet rasant. Zumindest in der kleinen Schweiz ist das so. Das »Hüsli«, der Kleinbürgertraum unserer Eltern, ist nicht mehr zu verantworten. Heute verschwindet pro Sekunde ein Quadratmeter Boden unter der Baggerschaufel. Ein Häuserteppich hat sich in den vergangenen Jahrzehnten über das Land ausgebreitet. In Deutschland sieht es ähnlich aus. Im Gefolge dieses Booms sind in den vergangenen dreißig bis vierzig Jahren viele Schnellstraßen und Einkaufszentren neu gebaut worden. »Stoppt die Zersiedelung«, sagten die Jungen Grünen in der Schweiz und forderten schon vor zehn Jahren ein Bauverbot für das »Hüsli«.
Doch es hält sich hartnäckig in den Köpfen junger Familien. Es ist, neben den Kindern, der große Lebenstraum. Der Traum ist jedoch nahezu unerschwinglich geworden. Nur weit draußen im Land ist der Boden noch bezahlbar. Für den Traum ist man bereit, weit zu pendeln und sich bei der Bank hoch zu verschulden. Aber was, wenn das Projekt Familie scheitert und es zur Scheidung kommt? Dann wird das Haus echt zum Klotz am Bein.
Sicher, das Einfamilienhaus ist nicht einfach per se schlecht. Man muss es aber neu denken. Der Bestand an Einfamilienhäusern aus den 1950er-Jahren bietet Chancen. Deren Erbauer, die Babyboomer, sind ins Alter gekommen. Ihre großen Häuser und Grundstücke werden oft nicht vollständig genutzt, Quartiere drohen zu veröden. Hier sollten die Kommunen aktiv werden und eine sanfte Verdichtung fördern, damit junge Familien einziehen können und die Quartiere mit neuem Leben erfüllt werden. Häuser können etwa um ein Geschoss erhöht werden. Und wo der Platz vorhanden ist, kann man auch anbauen. Näherrücken ist ohnehin gefragt.
Markus Neppl, geboren 1962, lehrt Stadtentwicklung am Karlsruher Institut für Technologie.
Stefan Hartmann, geboren 1951, ist Autor des Buches »(K)ein Idyll – Das Einfamilienhaus«. Triest. 176 Seiten. 39 €.

