Pro und Contra
Jetzt doch mit Putin verhandeln?
Christoph Fleischmann
Ja, es könnte viel Leid verhindern!
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat angesichts der militärischen Erfolge seiner Armee in den letzten Wochen wiederholt direkte Verhandlungen mit Russland ausgeschlossen und die Nato-Regierungschefs scheinen ihn in dieser Strategie zu bestärken, indem sie die Drohkulisse gegen Wladimir Putin ebenfalls hochhalten. Sie setzen auf einen kompletten Rückzug der russischen Armee aus der Ukraine, was für Putin spätestens seit der Mobilmachung eine Niederlage wäre, die er politisch (und vielleicht auch physisch) nicht überlebt.
Das macht seine Drohung eines Atomwaffeneinsatzes so gefährlich. Die USA haben für diesen Fall harte Konsequenzen angedroht, müssten also, um ihr Gesicht zu wahren, militärisch eingreifen, vermutlich wäre die Nato dann Kriegspartei. Was dann folgt, wäre kaum beherrschbar. »Vor allem müssen Atommächte solche Konfrontationen vermeiden, die einem Gegner nur die Wahl eines demütigenden Rückzugs oder eines Atomkriegs lassen«, hat John F. Kennedy einmal gesagt. Der Satz scheint mir – ungeachtet der Frage, ob er die Essenz der Kubakrise zutreffend beschreibt – realpolitisch richtig.
So bräuchte es tatsächlich dringend deeskalierende Schritte: ein Verhandlungsangebot an Putin, das nicht auf Kosten der Ukraine geht, sondern seine reale oder vorgetäuschte Angst vor der Nato ernst nimmt. Sodass er am Ende von Verhandlungen zu Hause einen (möglichst kleinen) Teilerfolg seines menschenverachtenden Krieges präsentieren kann. Das widerstrebt dem Gerechtigkeitsempfinden, aber die Strategie, auf eine demütigende Niederlage Russlands zu setzen, ist angesichts eines in die Enge getriebenen Despoten hoch riskant und angesichts des millionenfachen Leides, das ein Atomkrieg bedeuten würde, nicht verantwortbar.
Ludwig Greven:
Nein, das würde Putin belohnen!
Zuzutrauen ist Wladimir Putin alles, auch der Einsatz von Atomwaffen. Deshalb muss man seine Ankündigung, die annektierten Gebiete der Ukraine mit allen Mitteln zu »verteidigen«, sehr ernst nehmen. Das heißt aber nicht, nun mit ihm über ein »gesichtswahrendes« Ende seines Kriegs zu verhandeln. Denn das würde nur seine Aggression gegen den freien Westen und seinen völkermörderischen Angriff auf die Ukraine belohnen. Und ihn und andere Aggressoren ermuntern, weiterzumachen – als Nächstes vielleicht gegen die baltischen Natostaaten oder Polen. Auch China müsste im Fall Taiwan nur mit Atomwaffen drohen. Mit Staatsterroristen darf man nicht verhandeln. Sonst ist die internationale Friedensordnung am Ende. Niemand könnte mehr in Sicherheit leben. Reden kann man mit Moskau erst, wenn Putin oder ein anderer die russischen Truppen zurückzieht und glaubhafte Garantien abgibt, kein Land mehr anzugreifen. Ein Friedensabkommen zum jetzigen Zeitpunkt wäre das Papier nicht wert. Putin hat alle Verträge gebrochen – warum sollte er sich diesmal daran halten?
Stattdessen müssen die USA und die Nato unmissverständlich klarmachen, dass ein Einsatz auch nur taktischer Atomwaffen einen sofortigen konventionellen Gegenschlag gegen Russland zur Folge hätte. Vielleicht bringt ihn das zur Einsicht. Ein Selbstmörder ist Putin nicht. Einen großen Atomkrieg wird er nicht riskieren, weil er weiß, dass das auch sein Ende bedeutete. Wenn er wollte, hätte er ihn längst beginnen können. Dafür braucht er keinen Vorwand wie die Scheinreferenden. Aber er pokert hoch. Der Westen darf sich dem nicht ergeben. Die Ukraine, die allein über ein Kriegsende entscheiden kann, wird es jedenfalls nicht tun.
Christoph Fleischmannist Redakteur für »Religion und Kirchen« bei Publik-Forum.
Ludwig Grevenist freier Journalist und regelmäßiger Autor von Publik-Forum.

