Pro und Contra
Gott* mit Sternchen schreiben?
Das kleine Sternchen hinter Gott* zwischen den gewohnten Texten und Darstellungen lässt uns beim Lesen aufhorchen. Es irritiert und bietet dadurch einen Impuls, um über das eigene Gottes*bild nachzudenken. Denn Gott* ist keinem Geschlecht oder anderen menschlichen Kategorien zuzuordnen.
Gott* ist eine Öffnung für Vielfalt. Im Gegenteil zu den grammatikalisch zugehörigen männlichen Artikeln und Pronomen wird Gott* durch das Sternchen aus der geschlechtlichen Ebene herausgehoben. So bleibt offen, wie und wer Gott* ist. Alles, was wir Menschen denken, fühlen und ausdrücken können, wäre niemals ausreichend, um Gott* zu beschreiben. Genau das wird durch das kleine Sternchen ausgedrückt. Es ist eine Variante, um ganz einfach daran zu erinnern, wie unbegreiflich Gott* ist.
Auch in der Bibel offenbart sich Gott* vielfältig. Im Alten Testament zeigt sich Gott* noch auf eine eher abstrakte Weise als »Ich bin, der ich bin.« (Exodus 3,14) ganz ohne Kategorien. Im Neuen Testament wird dann durch die Menschwerdung Gottes* in Christus ein trinitarisches, eher männliches Gottes*bild suggeriert.
Das eigene Gottes*bild kann immer nur bruchstückhaft und zeitweise sein. Es ist geprägt durch die eigenen Glaubens- und Lebenserfahrungen. Gott* einseitig, etwa auf ein Geschlecht, festzuschreiben wird Gott* nicht gerecht und ist für viele Menschen in der heutigen Zeit nicht mehr anschlussfähig. Daher ermöglicht die Schreibweise mit Sternchen auch mehr Menschen Zugang zu einer umfassenderen Beziehung zu Gott*. Dank des Sternchens kommen in der letzten Zeit viele Menschen darüber ins Gespräch, wie Gott* für sie individuell in unserer pluralen Welt allgegenwärtig wird.
Margit Eckholt:
Nein, das engt Gott zu sehr ein!
Das Wort »Gott« steht für Vielfalt, auch ohne Sternchen. Es ist auf der einen Seite das »letzte Wort vor dem Verstummen« (Karl Rahner) und auf der anderen Seite in seiner trinitarischen Liebe dynamische Vielfalt, Komplexität und Lebendigkeit, die als schöpferische Kraft unsere Wirklichkeit durchdringt und aus der heraus wir von Gott zu sprechen lernen. All das ist mit dem Wort Gott in der Geschichte christlichen Glaubens – und weit darüber hinaus – zum Ausdruck gebracht worden.
Engen wir darum nicht diese uns auf unendliche Weise übersteigende Wirklichkeit Gottes ein, wenn wir »Gott*« schreiben? Sicher, die Katholische Studierende Jugend will irritieren und auf die »Geschlechtslosigkeit Gottes« aufmerksam machen. Mit der Gottes-Anrede »Herr« sind in der Geschichte männliche Gottesbilder verbunden worden, diese sind gewiss aufzubrechen.
Dafür braucht es allerdings kein Sternchen. Vielmehr müssen wir das Wort »Gott« in all seiner unergründlichen Tiefe, Weite und freimachenden Lebendigkeit einüben und die Rede von Gott neu kultivieren, auf die vielschichtige Semantik des Begriffs aufmerksam machen: angesichts der bleibenden Transzendenz Gottes auf seine »Unbestimmtheit« auf der einen und auf der anderen Seite auf die Vielfalt der bildlichen, aus der ganzen Wirklichkeit erwachsenden Ausdrucksgestalten unserer Gottesrede, die sich dabei immer wieder neu der Bilderkritik zu stellen hat, wie sie in Deuteronomium 5,8 steht: »Du sollst dir kein Gottesbildnis machen.«
»Gott« stellt uns immer wieder vor unsere ganze Wirklichkeit, das heißt, mit allem, was uns in der Vielfalt unseres Menschseins und unserer Einbindung in die ganze Schöpfung ausmacht, männlich, weiblich, divers, jung, alt, in aller Schönheit der vielen Farben.
Anna-Sophia Kleine, geboren 1999, studiert katholische Theologie und ist theologische Assistentin beim Bundesamt der Katholischen Studierende Jugend.
Margit Eckholt, geboren 1960, ist Professorin für Dogmatik mit Fundamentaltheologie an der Universität Osnabrück. Sie hat katholische Theologie, Romanistik und Philosophie studiert.

