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Film-Tipp
Anselm Kiefer und die Geister der Vergangenheit

von Birgit Roschy vom 17.10.2023
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Hypnotischer Sog: Wim Wenders macht mit seinem Dokumentarfilm Anselm Kiefers Poesie spürbar. (Foto: filmstarts.de/Road Movies)
Hypnotischer Sog: Wim Wenders macht mit seinem Dokumentarfilm Anselm Kiefers Poesie spürbar. (Foto: filmstarts.de/Road Movies)

Kino. Die Gemälde von Anselm Kiefer sind aufgrund ihrer Monumentalität nur schwer zu erfassen. Wim Wenders’ Idee, das Werk seines langjährigen Freundes in einem 3D-Film zu würdigen, erweist sich daher als großartig. Mit tiefenscharfer Kamera werden nicht nur kleinste Details, sondern auch die Orte ihrer Entstehung erkundet. Kiefers Ateliers sind Fabrikhallen, in denen er mit seinen Assistenten Oberflächen mit Stroh, Erde, Flammenwerfern und geschmolzenem Blei bearbeitet und vielschichtige Strukturen erzeugt. Man glaubt, diese Gebilde – Unheil verkündende Landschaften, Ruinen, Freilichtskulpturen – ertasten zu können. Gräuel der jüngsten deutschen Geschichte, Erinnerungen, Mythen: Kiefers Inspirationen sind vielfältig. Dieser Film will sein Werk nicht erklären, sondern seine Poesie spürbar machen. Geflüsterte Zitate von Kiefers Lieblingsautoren Paul Celan und Ingeborg Bachmann ersetzen den Offkommentar. Chronologische Eckdaten werden durch alte TV-Berichte und durch Kiefers Sohn, der die Begegnung seines Vaters mit dessen Mentor Josef Beuys nachstellt, angedeutet. Die Verstörung von Journalisten angesichts Kiefers provozierendem Umgang mit Nazisymbolik, aber auch die Begeisterung amerikanischer Galeristen, die ihn zum wichtigsten Künstler der Gegenwart kürten, fließen ein in ein kunstvolles Porträt, das einen hypnotischen Sog ausübt.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 20/2023 vom 20.10.2023, Seite 55
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