Theologie und Kunst
Lob der Bilder
Die Älteren wissen noch, wie karg das mediale Bildermenü ihrer Jugend war und wie sehr das Wort dominierte – in der Kultur, in der Politik, aber auch in der Religion. Vorbei. Es erscheint wie eine Binsenwahrheit, ist aber in seinen letzten Konsequenzen noch lange nicht durchdrungen: Wir befinden uns in einem Zeitalter, das von einem menschheitsgeschichtlich einzigartigen Bilderreichtum geprägt wird. Apokalyptischer gestimmt, könnte man auch von einer Bilderflut sprechen. Wir konsumieren immer mehr Bilder, wir kommunizieren immer mehr über Bilder. Das führt zu neuen Fragen. Wie sehen wir Bilder, was sehen wir in ihnen? Wie können wir sie verstehen, einordnen und beurteilen? Wie verhalten wir uns zu ihrer emotionalen, manchmal auch manipulativen Kraft? Und welche Bilder helfen uns, ein gutes Welt- und Selbstbild aufzubauen? Die Liste solcher Fragen ließe sich noch lange fortsetzen. Nicht erst am Ende stünde die Frage nach einem heute angemessenen Verhältnis von Bild und Religion. Dies ist eine Frage, die die Menschheit seit ihren Anfängen bewegt hat. Denn Bildwerke standen stets im Zentrum der religiösen Praxis. In ihnen wurde das Göttliche vergegenwärtigt, über sie kommunizierte man mit dem Göttlichen. Das alttestamentliche Bilderverbot formulierte dagegen einen einzigartigen Widerspruch, beendete jedoch nicht die Geschichte des religiösen Bildes, sondern vertiefte die Frage danach, was ein wahrhaftiges und dem Glauben dienliches Bild des Göttlichen sein kann.
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Johann Hinrich Claussen, geboren 1964, ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

