Espresso-Gottesdienste
Zu schnell soll man eine Krise nicht zur Chance umtaufen. Aber es lohnt sich zu fragen, ob diese Not nicht auch neue Möglichkeiten eröffnet. Mich interessiert an den Gottesdiensten, die jetzt wieder möglich sind, besonders eines: ihre Kürze. Keine liturgischen Wechselgesänge, keine zweite biblische Lesung, mancherorts kein Glaubensbekenntnis, meist kein Abendmahl. Das wirkt auf den ersten Blick wie die evangelischen »Rotstift«-Liturgien der 1970er-Jahre, als man alles wegkürzte, was sich nicht bruchlos verstehen ließ. Doch die Kürze der Post-Quarantäne-Gottesdienste ist von anderer Art. Sie folgt zwar einer äußeren Not, aber in ihr äußert sich auch der konstruktive Versuch, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Das betrifft auch die Predigten und Fürbitten, die vorher oft in der Gefahr der Überlänge standen. Jetzt sind sie gehalten, direkt das Ihre zu sagen. Nicht wenige Gottesdienstbesucher schätzen die neue Prägnanz. Es kommt ihrem Zeitempfinden entgegen. Von älteren evangelischen (natürlich nicht von katholischen) Gottesdienstbesuchern habe ich auch gehört, dass sie es gut finden, wenn das Abendmahl nicht mehr so häufig gefeiert wird – das erinnere sie an ihre Kindheit, als man nur drei bis vier Mal im Jahr zum Altar trat. Anders ist es mit dem Singen, das von allen schmerzlich vermisst wird. Ansonsten ist es überraschend, wie viele die neuen »Espresso-Gottesdienste« mögen.
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Johann Hinrich Claussen,Kulturbeauftragter
der Evangelischen Kirche in Deutschland
