Eine echte Geburt
Es gibt Ideen, die so naheliegend sind, dass niemand auf sie kommt. Es braucht dann einen außergewöhnlichen Menschen, um das zu tun, was Jahrhunderte vorher schon längst hätte getan werden sollen. Darin liegt die eigentliche Begabung der religiösen und künstlerischen Genies – nicht, dass sie etwas erfinden, was es bisher nicht gegeben hätte, sondern, dass sie das eine finden, das vor aller Augen liegt, aber nicht beachtet wird, und es entschlossen ins Zentrum rücken. In diesem Sinne ist das Weihnachtsbild von Paula Rego ein prophetischer und ästhetischer Geniestreich. Denn sie hat zum ersten Mal in der gesamten christlichen Bildgeschichte (soweit ich weiß) Maria unter der Geburt gezeigt. Genau darum geht es doch in der Heiligen Nacht, dass eine junge Frau ein Kind zur Welt bringt und in ihm Gott wahrhaft Fleisch annimmt. Aber all die frommen und schönen Bilder vorher haben immer nur die Zeit danach gezeigt, als das Kind schon frisch gewickelt in der Krippe liegt. Von Wehen, Schmerzen, Angst und Schweiß, vom fleischlichen In-die-Welt-Kommen fehlt da meist jede Spur.
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Johann Hinrich Claussen, geboren 1964, ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland, Theologe und Buchautor.

