Kolumne von Anne Lemhöfer
Die Kamera liebt den Winter
Früher (beziehungsweise in grauer Vorzeit, ich meine die 1980er-Jahre) ratterten im Winter die Rollläden runter, und die Dia-Projektoren wurden angeworfen. Meistens geschah das irgendwann um die Weihnachtsfeiertage herum, wenn die Menschen, die es zu beeindrucken galt, sowieso bei einem rumhockten oder man selbst bei ihnen. Sommerurlaub, während draußen der Schneeregen rieselte. Ich muss gestehen, ich habe das geliebt. Ich kann die passive Aggressivität der meisten Menschen nicht verstehen, wenn sie stöhnend von den Dia-Abenden ihrer Kindheit berichten. Dünen, Sandburgen, Kinder mit Topf-Haarschnitt, Väter in Badehosen und Mütter, die nie auftauchten, weil sie ja die Fotos knipsten, woran sich bis heute nichts geändert hat. Ist doch super. Dazu gab es Plätzchen und Punsch. Und ein großes Hallo, wenn das Bild plötzlich auf dem Kopf stand. Mal die Perspektive wechseln ist schließlich die Basis des menschlichen Fortschritts.
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Anne Lemhöfer, geboren 1978, ist Redakteurin bei der Frankfurter Rundschau und freie Autorin. Sie lebt mit ihrer Familie in Frankfurt am Main. Die Kolumne schreibt sie im Wechsel mit Fabian Vogt und Peter Otten.

