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Immer ist Anfang

Vom Zauber des Neubeginns.
von Doris Weber vom 18.02.2025
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Heute ist der erste Tag vom Rest meines Lebens. An diesen Satz muss ich immer wieder denken. Ein Junge aus meiner Schulkasse hatte ihn in dicken, fetten Buchstaben an der Wand in seinem Zimmer hängen. Er war damals 17, picklig und rappeldürr. Bei uns Mädchen hatte er keine Chance. Doch wie kam es dazu, dass ich eines Tages sein Zimmer kennenlernte und jenen berühmten Satz entdeckte, der mir bis heute in meinem Gedächtnis geblieben ist? Er war krank, die Lehrerin bat mich, ihm Hausaufgaben vorbeizubringen. Ich tat es widerwillig. Sein Zimmer war genauso chaotisch wie er. Überall Zeitungen, Zeitschriften, Plakate und Schallplatten, damals gab es noch keine CDs. Und trotzdem verspürte ich den Drang, mir alles genauer anzuschauen. Seine Bücher: Dostojewski, Tolstoi, Böll, Borchert … so ein Quatsch! Und dann seine Musik. Bach, Mozart, Beethoven, die Fünfte. Und ein bisschen Pink Floyd und Led Zeppelin. Er sah, wie ich vor dem vergilbten Zettel stand und die fetten Buchstaben studierte: Heute ist der erste Tag vom Rest meines Lebens. »Meinst du das ernst?«, hörte ich mich fragen. »Wieso?«, sagte er, »wann geht das Leben denn bei dir los? Morgen? Übermorgen? Nächste Woche? In drei Monaten? In fünf Jahren?« – Aufgeblasener Schwätzer, dachte ich. Und begann zu grübeln. Dreißig Jahre später sahen wir uns bei einem Klassentreffen wieder. Seine Pickel waren weg. Über seinem immer noch schlaksigen Körper trug er ein weißes Hemd und darüber ein schwarzes Samtjackett. Er sah gut aus. Gebildet, freundlich und bescheiden. Mir klopfte das Herz bis zum Hals. Was gäbe ich darum, könnte ich die Zeit zurückdrehen und ihm noch einmal die Schularbeiten an sein Krankenbett bringen. Ich sehe mich in seinem Zimmer, neugierig seine Bücher studierend und mit ihm gemeinsam Beethovens Schicksalssinfonie hörend. Was wäre geworden, wenn ich damals …? Ach, wie müßig sind diese Gedanken – was wäre, wenn? »Ich muss jetzt gehen«, verabschiedete er sich mit einem Lächeln. Und ich hatte plötzlich dieses schmerzliche Gefühl, dass ich damals, mit siebzehn Jahren, den ersten Tag vom Rest meines Lebens verpasst hatte. >

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Schlagwort: Krise
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