Auslöschung und Gewalt
Die Abwehr des Todes
Ich glaube, Überdruss am Staat und Todesangst machen ganz andere Sätze als Gleichgültigkeit und Gewöhnlichkeiten. Darum nimmt einem das Schreiben ja auch die Angst, darum gibt es Halt – einen imaginären Halt, keinen wirklichen. Halt nach innen, nicht nach außen«, so Herta Müller, die rumäniendeutsche Literaturnobelpreisträgerin von 2009 in einem Gespräch mit ihrem Schriftstellerkollegen Michael Lentz, veröffentlicht unter dem Titel »Lebensangst und Worthunger«. Im Schreiben allein fand sie Zuflucht vor der Gewalt der kommunistischen Diktatur. Der rumänische Geheimdienst Securitate konnte sie zwar überwachen und verhören, schikanieren und gar mit dem Tod bedrohen. Selbst nach ihrer Ausreise 1987 in die Bundesrepublik Deutschland war sie nicht sicher vor den Schergen des Despoten Nicolae Ceauçescu. Aber was in ihrem Kopf vorging und sich in poetische Sprache verwandelte – darüber konnte die Staatsmacht nicht verfügen. Geschätzte 70- bis 75 000 Rumäniendeutsche wurden ab 1945 für Jahre in sowjetischen Arbeitslagern gefangen gehalten. In ihrem Roman »Atemschaukel« von 2009 hat Herta Müller mit der Geschichte des 17-jährigen Leopold Auberg dieses historische Trauma der deutschen Minderheit in Rumänien aus der – auch familiären – Verdrängung geholt und ebenso der politischen Instrumentalisierung durch geschichtsrevisionistische Heimatvertriebenen-Verbände entwunden. Das Wissen um den Lageraufenthalt der Mutter, die darüber aber kaum sprach, Interviews mit Überlebenden und vor allem die vielen Gespräche mit ihrem Dichterkollegen Oskar Pastior, der als 17-Jähriger – die Romanfigur ist stark an ihn angelehnt – fünf Jahre im Arbeitslager verbrachte, bilden die stoffliche Basis des Romans. Herta Müller gelingt es, den höllischen Lageralltag in einer präzisen Beschreibung des Grauens einerseits und mit starken Bildern und Vergleichen andererseits im Leser zu evozieren. Dabei entwirft sie nicht etwa eine erzählerische Gesamtschau des Lagers, sondern ein Kaleidoskop, in dessen Splittern Szenen, Gedanken und Gefühle aufleuchten. Den allgegenwärtigen Hunger etwa, der die Lagerinsassen unentwegt beherrschte und der nicht wenige von ihnen umbrachte, personifiziert sie in einer quasi-mythischen Figur, dem »Hungerengel«. Er ist ein ständiger Begleiter der Gefangenen, eine Art böser Geist, der quält und fordert. »[…] es gibt einen Hunger, der dich krankhungrig macht. Der immer noch hungriger dazukommt, zu dem Hunger, den man schon hat. Der immer neue Hunger, der unersättlich wächst und in den ewig alten, mühsam gezähmten Hunger hineinspringt. Wie läuft man auf der Welt herum, wenn man nichts mehr über sich zu sagen weiß, als dass man Hunger hat. Wenn man an nichts anderes mehr denken kann. Der Gaumen ist höher als der Kopf, eine Kuppel, hoch und hellhörig bis hinauf in den Schädel. Wenn man den Hunger nicht mehr aushält, zieht es im Gaumen, als wäre einem eine frische Hasenhaut zum Trocknen hinters Gesicht gespannt. Die Wangen verdorren und bedecken sich mit blassem Flaum.« Mit seiner poetischen Sprachkraft kann der Ich-Erzähler das unsagbar Schreckliche bannen und dessen tödlicher Macht, die nicht zuletzt im Verstummen-Machen seiner Opfer besteht, widerstehen. Literarisches Schreiben wird so zur Todesabwehr.
Sie haben bereits ein
-Abo? Hier anmelden
Armin Rohrwick ist Germanist, er leitet das Layout bei Publik-Forum und lebt mit seiner Familie im Taunus bei Frankfurt am Main.

