#4U9525: Opfer und Voyeure
Publik-Forum.de: Herr Heinecke, beim Flugzeugabsturz in den Alpen ging man zuerst von technischem Versagen aus. Nun scheint es tief menschliche Ursachen zu geben –, zu denen es allerdings noch keine abschließende Erkenntnis gibt. Wie haben Sie die letzten Tage medial erlebt?
Jochen Heinecke: Als der Flugzeugabsturz bekannt wurde, war für mich klar, dass gleich Bilder auftauchen werden. Dass Reporter sich vor Ort versammeln, ich über Opferzahlen informiert werde. Das war auch nachvollziehbar. Doch dann kam auf einmal so ein anderer Ton da hinein.
Welcher?
Heinecke: Sehr schnell ging es um die Unfallursache. Stunden wurde über mögliche technische Defekte am Flugzeug spekuliert, dann hieß es auf einmal: Der Co-Pilot hat den Absturz vermutlich absichtlich herbeigeführt. Und das ging, weil der Pilot für ein paar Minuten das Cockpit verlassen hatte. Ich stellte mir sofort vor, wie das gewesen sein konnte: Da ist ein Flugkapitän, der kommt nicht mehr rein in dieses Cockpit. Meine Gedanken kreisten nur noch darum. Plötzlich waren nicht mehr 150 Opfer wichtig oder deren Angehörige. Meine Gedanken wurden mit Fragen beschäftigt wie: Wie funktioniert so eine Tür? Wieso war der Pilot draußen? Was war mit dem Co-Piloten drinnen? Wie konnte der durch das Sicherheitsnetz schlüpfen? Und wie hätte man das verhindern können? Da kommt so eine Bewältigungshysterie auf, die ist ganz schrecklich.
Ist das nicht ein ganz normales Bedürfnis?
Heinecke: Nein! Nehmen Sie nur die erste Pressekonferenz zur Auswertung des einen gefunden Flugschreibers. Da wurde gleich gefragt: Welche Konsequenzen hat das? Welche psychologischen Überprüfungen werden da angesetzt? Da ändert sich völlig der Bogen. Das wird nicht mehr den Menschen gerecht, die da umgekommen sind oder den Angehörigen, die leiden. Ob die Ursache für den Absturz ein Maschinenfehler war oder ein Mensch, ist doch eigentlich in dieser schrecklichen Situation irrelevant: Da sind 150 Menschen tot!
Wie könnte man den Betroffenen dann gerecht werden?
Heinecke: Indem man nicht – wie so oft – von den Tätern redet. Nicht dauernd den Sündenbock sucht, dem man alles aufbürden kann. Der ist Schuld – dann sind wir die seelische Not los?! Oh nein! So funktioniert das nicht. Man muss das stehen lassen. Auch für den Co-Piloten – auch wenn das manche so nicht hören wollen – gilt: Das sind die Opfer. Und die beklagen wir. Und nicht: Wir finden jetzt einen Täter, über den müssen wir jetzt wütend sein. Oder, noch weiter, wie ich es jetzt bei Fernsehinterviews beobachtet habe: Ihr Piloten alle, ihr als Berufsgruppe, ihr seid eine potenzielle Bedrohung. Euch muss man besser kontrollieren! Warum können wir gerade bei so einer Katastrophe nicht mal innehalten, das so stehen lassen, was uns alle so bewegt? Das ist so wie vor zehn Jahren bei dem schrecklichen Tsunami. Da waren auch gleich diese Bewältigungsfragen da. Nichts haben sie gebracht! Wir müssen uns darauf besinnen, was wir im Leben ändern können – und was nicht.
Wie meinen Sie das?
Heinecke: Das kann ich ganz klar sagen: Im Mittelmeer ersaufen täglich Menschen. In Syrien gibt es 50 000 Kinder, die haben keine Eltern. Kinder verhungern, werden totgeschlagen. Daran könnten wir etwas ändern! Aber das interessiert uns nicht so, weil das unser System des Denkens und Lebens nicht so sehr ins Wanken bringt. Messen wir doch endlich diesen anderen Schicksalen die annähernd gleiche Bedeutung zu wie denen der jetzt Getöteten! Was wiederum nicht heißen soll, dass mir deren Schicksal nicht sehr nahe geht. Ganz im Gegenteil bin ich davon sehr konkret berührt: Ich habe zwei Kinder, die müssen nächste Woche nach Hause kommen. Aus Island und England. Es ist ganz klar, dass ich da ein mulmiges Gefühl habe.
Menschen brauchen Orte, um ihre Trauer zu bewältigen. Viele Hinterbliebene des Flugzeugabsturzes sind in die französischen Alpen gereist. Warum ist das so wichtig?
Heinecke: Wenn Menschen Angehörige verloren haben, hilft die direkte Konfrontation mit dem Ort des Unglücks, gegen die Fantasien, die sich automatisch einstellen, anzukommen. Sie müssen sich vergewissern, dass jemand wirklich gestorben ist. Das ist furchtbar schwer und wird im aktuellen Fall ja nicht leichter, weil man kaum noch etwas finden kann. Fände man eine Ehering oder dies und jenes, wäre das für die Angehörigen wichtig. Das war 2004 auch bei dem Tsunami so, wo ich Angehörige von Opfern begleitet habe. (weiter auf S. 2)
Ist angesichts der Tatsache, dass die Ursache für den Flugzeugabsturz offenbar menschliches Versagen war, die Trauma-Bewältigung nun eine andere, als sie es bei einer technische Unfall-Ursache gewesen wäre?
Heinecke: Ich weiß aus meiner Erfahrung als Notfallseelsorger, dass das keinen großen Einfluss hat auf den Schmerz. Menschen suchen für sich eine Erklärung. Das ist wie im Krankenhaus. Da ist es – das ist meine lange Erfahrung – bei der Bewältigung des Todes eines lieben Menschen unerheblich, ob sich der Arzt geirrt hat oder Apparate versagt haben. Wichtig, glaube ich, ist etwas anderes.
Und zwar?
Heinecke: Nach und nach zu erfassen und dann zu akzeptieren, dass ein anderes Leben beginnt. Es ist das gleiche wie nach einer schweren Krankheit, einem geheilten Krebsleiden etwa. Der Mensch verändert sich psychisch, sogar auch physisch. Das ist normal. Zu unserem Machbarkeitswahn gehört aber, dass wir meinen, es könne alles so sein wie vorher. Das ist falsch. Es beginnt ein anderes Leben. Wir sollten niemanden glauben machen wollen, dass der Tod keine Spuren hinterlässt. Dass sie mit ihrer Verletzung leben lernen müssen, das ist jetzt die Aufgabe für alle. Verletzungen können heilen, sie hinterlassen aber immer Narben. Sie haben eingangs gefragt, wie ich das Flugzeugunglück medial wahrgenommen habe. Ich fasse es so zusammen: Medial wurde nahezu alles versucht, die vermeintliche »Machbarkeit des Lebens« wieder herzustellen. Es wurde recherchiert und analysiert, das Geschehen simuliert und reflektiert. Nur um irgendwie herausfinden zu können, ob das alles auch vermeidbar gewesen wäre. Unter welchen technischen Bedingungen, unter welchen verbesserten Kontrollen der Fluglinien, usw. usw. Aber wenn wir meinen, alles sei machbar und vermeidbar, versperren wir den Weg für Schritte hin zu einem neuen Leben. Diese Schritte aber müssen die Hinterbliebenen jetzt zu gehen versuchen.
Zur Rolle der Medien gibt es mittlerweile, Tage nach dem Unglück, erste kritische Debatten. Neben medialen Fehlleistungen kommen dabei auch Beispiele großer journalistischer Sorgfaltspflicht zutage: Oliver Welke setzte seine satirische Wochenschau am Freitagabend wegen der Geschehenisse aus. Jenny Jürgens startete eine Online-Petition gegen BILD-Kolumnist Wagner, dessen Kolumne zum tragischen Ereignis sie »würdelos« fand. Journalistenverbände wie etwa die »Gesellschaft katholischer Publizisten« fordern aktuell eine »erweiterte Selbstverpflichtung der Qualitätsmedien«, die ihrem Publikum sagen sollen, »worauf sie im konkreten Fall verzichten«.
