Allein auf und davon
Reisen ist meine Droge. Und es ist auch die Droge vieler meiner Freunde. Meine italienische Freundin Sara ist allein nach Mosambik geflogen und hat das Land auf eigene Faust entdeckt. Franzi ist allein durch Thailand gezogen, und Elisa war drei Wochen allein in Kanada unterwegs. Meine mutigen Freundinnen haben mich vor einigen Jahren auf die Idee gebracht, auch einmal allein hinaus in die weite Welt zu ziehen. Nur ich und mein Backpack, dieser große Rucksack, der nach Abenteuer riecht. Und dann habe ich es tatsächlich gewagt. Auf nach Costa Rica. Und es ist nicht nur bei dieser einen »Allein-auf-und-davon«-Reise geblieben. Es folgten die USA, Portugal, Italien, Spanien, Brasilien, Bolivien und Argentinien. Wir sind ein Winning-Team geworden, ich und mein Rucksack.
Vor meiner ersten Reise, die ich allein gemacht habe, war ich noch recht aufgeregt. »Was mache ich hier eigentlich?«, ging es mir beim Betrachten meines Flugtickets immer wieder durch den Kopf. Am ersten Abend in Costa Rica, im ersten Hostel, habe ich Pierre, einen Schweizer Architekten, kennengelernt. Der junge Mann aus Lausanne war mir schon einige Schritte voraus. Auch er war allein unterwegs. Aber nicht etwa wie ich mit Rucksack und im Bus. Nein. Pierre kam aus Mexico City, und er wollte bis nach Argentinien. Und zwar allein mit dem Fahrrad. Pierre hat mich verzaubert mit seiner Energie, seinem Mut und seinen Geschichten. »Mit dem Fahrrad zu reisen, das heißt, der Seele eine Chance zu geben mitzukommen!«, zitierte er mir aus den Büchern der Fahrradreisenden. Ich verfolgte seinen Reise-Blog über lange Zeit mit großer Begeisterung. Nach sechs Monaten war Pierre in Buenos Aires. Er hatte Lateinamerika durchradelt. Allein.
Auf einer meiner Reisen saß ich am Strand. Um mich herum viele junge Leute aus der ganzen Welt. Elia aus den USA fragte mich: »Reist du allein?« »Ja«, antwortete ich, und dann hörte ich, wie er zu sich selbst murmelte: »Siehst du, das ist ganz normal!« »Was sagst du?«, fragte ich ihn, und er gab zu, dass er sich seltsam gefühlt hatte, weil er allein verreiste. Er war verunsichert gewesen, doch jetzt traf er immer mehr Leute, die das machten. Ich war nur eine von vielen.
»Ich entscheide mich immer wieder dafür, allein aufzubrechen«
Ich habe das Gefühl, dass Alleinreisen hier in Deutschland, aber auch in vielen anderen Ländern in Mode gekommen ist. Für mich war es so, dass ich nach dem Universitätsabschluss ein wenig Geld gespart hatte und einige Monate Freiheit vor mir lagen, bevor ich eine Arbeitsstelle antreten würde. Ich wollte verreisen, aber niemand hatte Zeit, Geld und die gleichen Reisewünsche wie ich. Und anstatt zu Hause zu bleiben, habe ich mich dann für das Alleinreisen entschieden. Ich wollte unterwegs sein, wollte wissen, wie es ist, allein die Welt zu bereisen. Ich bin von Natur aus neugierig. Mittlerweile entscheide ich mich immer wieder ganz bewusst dafür, allein aufzubrechen. Ich finde es herausfordernd und spannend. Aber wie ist das für andere? Was denken sie über das Alleinreisen?
Vor vier Monaten war ich mit dem Rucksack fünf Wochen in Bolivien und Brasilien unterwegs. Auf der brasilianischen Ilha Grande begann ich die Leute, die ich im Hostel kennengelernt hatte, über ihre Motive für das Alleinreisen zu befragen. Ich wollte wissen, warum andere sich dafür entschieden und was die Vor- und Nachteile dieser Art des Reisens sind.
Ich frage Sam, der gerade zwei Wochen in Brasilien war, warum er allein unterwegs sei und was er daran möge. »Meine Freundin muss arbeiten, aber ich wollte als Lehrer die Schulferien nicht zu Hause verbringen. Also bin ich allein losgefahren. Weißt du, wenn man allein reist, ist man aufgeschlossener. Ich spreche mit mehr Menschen und treffe ganz außergewöhnliche Leute. Ich bin neugierig und höre jemandem länger zu. Wenn du allein reist, hast du Zeit und Lust, Bekanntschaften zu machen. Du lässt dich auf die Menschen ein, die dir begegnen, und entdeckst so viel Neues!« Die Gedanken von Sam brachten mich zum Grübeln. Ja, man lernt sehr viele beeindruckende Menschen kennen und redet mit Personen, mit denen man zu Hause vielleicht gar nicht sprechen oder die man ganz schnell abstempeln und in irgendeine Schublade stecken würde. Da muss ich an einige interessante Begegnungen denken. An Silvio, den jungen Rumänen, der Osteopathie studiert hat und mir auf der Dachterrasse des Hostels in Cafayate in Argentinien erklärte, wie ich mich für mein eigenes Energiefeld sensibilisieren kann. Er zeigte mir, wie man mit den Handflächen die Energie eines anderen Menschen wahrnehmen kann. Oder Federico, der Italiener, der allein nach Eritrea gefahren war und sich dort unsterblich in eine Einheimische verliebt hatte, die er in einem Monat heiraten wollte. Ich denke an die jungen Leute, die ich auf meiner ersten Reise nach Costa Rica kennengelernt habe, die für mich Freunde geworden sind und die ich nun schon zweimal besucht habe. Ich hatte Zeit gehabt mit ihnen zu sprechen, ihre Geschichten anzuhören und sie ein wenig kennenzulernen. Ja, nicht nur das Reisen ist meine Droge, sondern auch die Menschen.
»Wenn du allein unterwegs bist, kannst du mal ganz anders sein«
»Und außerdem kannst du, wenn du allein unterwegs bist, mal ganz anders sein. Da ist niemand an deiner Seite, der dich kennt. Niemand, der deine Verhaltensweisen beobachtet. Du musst nicht überlegen, was dein Freund, deine Freundin, dein Mann, deine Frau, deine Kinder denken. Bei den Leuten, die du triffst, kannst du ein ganz anderer sein als vielleicht zu Hause, oder aber du kannst einfach mal sein, wie du bist, ohne irgendjemandem etwas vorzuspielen, wie es manche ja zu Hause tun.« Sam überrascht mich mit einer Menge Ideen und Einfälle. Giovanni, der junge Italiener mit den wilden Locken, hört uns zu und meint: »Ja, man kann sich auch verbessern. Ich meine, man kann besser sein als zu Hause, vielleicht netter, aufmerksamer oder weniger arrogant!« Sam kommt ein weiterer Gedanke: »Guck mal. Zum Beispiel hier. Hier sind wir nun schon seit vier Tagen zusammen in diesem Hostel auf dieser kleinen Insel. Und da ist Nestor, der schwule Chilene, der uns gestern Abend beim Bier erzählte, dass er vor zwei Wochen versucht hat, sich aus Liebeskummer umzubringen. Weißt du, er kann uns Fremden alles sagen. Es ist wie eine Gruppentherapie. Man kann etwas von sich erzählen, etwas Privates, und man bekommt dann gleich die Meinungen von verschiedenen Leuten zu hören. Sie sind aber nicht deine Familie oder deine Freunde, die dich seit Langem kennen. Deshalb kannst du viel freier von dir erzählen. Du blamierst dich nicht und wirst nicht so schnell verurteilt.«
Marianne aus Amsterdam ist auch allein unterwegs. »Sicher, man kann alles machen, wie man es will. Wann? Wohin? Wie? Alles kann man selbst entscheiden. Man ist sehr frei. Andererseits hat man dann eben zu Hause auch niemanden, mit dem man die Erinnerungen teilen kann. Ich teile gern meine Erlebnisse mit jemandem, und deshalb würde ich nicht mehr alleine verreisen.«
So sitzen wir auf der Terrasse unseres Hostels in Brasilien, den Blick auf das Meer gerichtet, und erzählen uns von unseren Reiseerlebnissen. In einem Punkt sind wir uns jedoch alle einig. Keiner mag die immer gleichen Unterhaltungen, die man oft hat, wenn man allein unterwegs ist. Woher kommst du? Wie lang bleibst du? Wohin fährst du? Manchmal ist es mühselig, auf die immer gleichen Fragen zu antworten. »Obwohl«, wendet Marianne ein, »über solche Fragen kommt man nun mal ins Gespräch. Diese Unterhaltungen haben auch ihren Sinn, denn man erfährt viel von denen, die schon an den Orten waren, an die man auch noch fahren will. Man hört, welche Hostels und welche Restaurants gut sind, was man sich unbedingt angucken soll oder wie man an irgendeinen Ort kommen kann.«
Mary Ann aus Holland hat praktische Gründe fürs Alleinreisen. »Ich bin allein nach Spanien gereist, weil ich Spanisch lernen wollte. Wäre ich mit einer Freundin gefahren, hätte ich ja doch nur in meiner Muttersprache gesprochen.«
»Es kommt darauf an, wie gut man sich mit sich selbst versteht«
Ich habe auf meinen zahlreichen Reisen bemerkt, dass das Alleinreisen sehr viel damit zu tun hat, wie gut oder schlecht man sich mit sich selbst versteht, denn schließlich gibt es auch immer wieder Momente, an denen man nur auf sich selbst trifft und nur mit sich allein unterwegs ist. Sei es bei einem Abendessen oder auch mal während eines Strandtages oder Museumsbesuchs. Chad aus Kanada sagt: »Ich habe eine gute Beziehung zu mir selbst und kann gut allein sein. Tagsüber gehe ich surfen, dann lese ich, und abends schreibe ich ein wenig an meinem Notebook. Ich brauche nicht immer Menschen um mich herum.«
»Ich mag es oft nicht, wenn ich eine Stadt verlasse, weiterziehe und dann wieder allein im Bus sitze, auf dem Weg zu einem neuen Ort. Diesen Moment, in dem ich noch niemanden kenne und ganz auf mich allein gestellt bin«, sage ich. Dieses Gefühl kennt auch Marianne. »Das ist ein blöder Moment, aber du weißt ja schon, dass du bestimmt wieder neue Leute treffen wirst. Und das macht ja auch gerade das Abenteuer aus. Du weißt noch nicht, wo du als Nächstes hinkommst, auf wen du als Nächstes treffen wirst.«
»Trotzdem erlebt man teilweise auch sehr einsame Momente, wenn man allein unterwegs ist. Zum Beispiel dann, wenn man gerade einen Gesprächspartner bräuchte und niemand da ist. Und im Urlaub gehen einem oft viele Gedanken durch den Kopf. Man verarbeitet und reflektiert sein Leben, sodass man manchmal vielleicht gern mit einem Freund sprechen würde«, sagt Sam. »So wirklich allein ist man aber sowieso nicht lange. Man lernt doch immer Leute kennen.« Giovanni nickt: »Du startest allein und bist am Ende mit anderen zusammen. Man braucht eigentlich nur den Mut loszufahren.«
Da muss ich an die Worte meiner Freundin Samira denken: »Dani, du bist so mutig. Hast du keine Angst, so allein durch die Welt zu reisen?« Na klar ist man auch schon mal ängstlich. Aber du weißt doch nie, wo die Gefahr auf dich lauert. Hier in Köln oder im fernen Argentinien. Ich kann allerdings sagen, dass meine Sinne geschärfter sind, wenn ich in fremden Ländern unterwegs bin. Man darf nicht unbedingt davon ausgehen, dass es überall so sicher ist wie zu Hause. In Köln fahre ich auch nachts noch mit dem Fahrrad nach Hause. Das kann man woanders nicht so einfach machen. Da sollte man dann auch nicht zu naiv sein und Gefährliches riskieren. Giovanni nickt und sagt: »Ja, zwischen Europa und Lateinamerika liegt ein Ozean, und so liegt auch ein Ozean zwischen unseren Konzepten von der Welt und den Gegebenheiten, die du dann vor Ort vorfindest. Wir genießen diese Unterschiede, aber man sollte sich ihrer bewusst sein, um Gefahren vermeiden zu können.« Mary Ann fügt hinzu: »Wenn man allein reist, muss man über ein gewisses Maß an Selbstständigkeit und Selbstbewusstsein verfügen. Gerade als Frau sollte man nicht leichtgläubig jedem trauen.« Es ist gut, mit offenen Augen und Ohren unterwegs zu sein und auf die Worte der Leute zu hören, die an dem Ort wohnen, wo man gerade ist. Ich erinnere mich genau daran, wie ich einmal abends um achtzehn Uhr bei Sonnenuntergang noch am Strand in Nicaragua schwimmen war. Die Besitzerin des Hostels sagte zu mir: »Mach das besser nicht noch mal. Geh um die Uhrzeit nicht mehr allein an den Strand. Da sind dann komische Leute unterwegs, und es ist gefährlich.«
Wenn man allein unterwegs ist, muss man immer Entscheidungen treffen und seine Intuition schulen. Was ist unbegründete Angstmacherei; was ist ein gut gemeinter Ratschlag? Das lässt sich manchmal nicht leicht sagen, aber warum sollte ich nicht auf die Ratschläge einer Einheimischen hören? Daphne, eine zwanzigjährige Amerikanerin, hatte, während sie im Wasser surfte, ihre teure Kamera am Strand liegen lassen, obwohl uns immer gesagt wurde, dass wir so wenig wie möglich mit zum Strand nehmen sollen, weil da oft geklaut wird. Die Kamera war weg, als sie aus dem Wasser kam. Sam meint: »Auf Reisen kann immer etwas passieren; ob du allein unterwegs bist oder mit Freunden. Zum Glück findet man doch meistens überall jemanden, der einem hilft.« Marianne sagt: »Ich lasse immer eine Liste mit wichtigen Telefonnummern zu Hause bei meinen Eltern. Da stehen die Nummern meiner Auslandskrankenversicherung, meiner Bank und meines Reisebüros drauf. Wenn mir etwas passieren sollte, dann kann ich sie anrufen, und sie können helfen. Ich selbst mache mir auch so eine Liste, die ich dann im Gepäck habe. Da stehen dann auch noch die Nummern deutscher Ärzte und der deutschen Botschaft in dem Land, in das ich reise, drauf.« Giovanni fügt noch hinzu: »Ja, eine Auslandsreisekrankenversicherung sollte man haben. Ich habe mal eine Backpackerin zum Arzt begleitet, als sie krank war, und sie fragten direkt nach der Versicherung. In stressigen Situationen hilft es, gut vorbereitet zu sein.«
Wenn man allein verreist, entdeckt man nicht nur die Welt, sondern auch sehr viel von sich selbst. Wie selbstständig bin ich? Wie gehe ich mit Herausforderungen um? Und wie mit meinen eigenen Launen? Wie gehe ich auf unbekannte Menschen zu? Was tut mir gut? Wie entspanne ich? Auf diese und viele weitere Fragen findet man auf so einer Reise Antworten, und nicht selten ist man von sich selbst überrascht. Man lernt sich selbst viel besser kennen. Allein zu reisen ist individuell für jeden verschieden. Aber eine besonders intensive Erfahrung ist es wohl auf jeden Fall! Und es ist immer eine Entdeckungsreise der Welt und seiner selbst. Mich hat das Alleinreisen selbstbewusster, selbstständiger und fröhlicher gemacht.
