Allein durch das Wort
Wir Protestanten feiern sogar unsere Festgottesdienste nach dem Motto des Reformators. Sprich: Bei uns wird geredet und geredet. Da ist der Pfarrer »allein durch das Wort«. Und das in einer hochsakralen Atmosphäre der »Nachdenklichkeit« – einer denkt vor, die anderen müssen das »nachdenken«.
Katholiken dagegen haben, was das Feiern angeht, erkennbar 1500 Jahre mehr Multimedia-Erfahrung: Da gibt’s bunte Gewänder, da wird geklingelt, da vernebelt der Weihrauch die Sinne. Jetzt sagen Sie bitte nicht: »Ich wusste nicht, dass im Weihrauch psychoaktive Substanzen drin sind.« Aber sicher! Und wie! Die wirken krampflösend und antidepressiv! Ich finde, das erklärt einiges. Und hoffe nur, dass manchen Katholiken das Heil nicht eines Jüngsten Tages wegen Dopings aberkannt wird. Von so was liest man ja ständig in der Zeitung.
Weil mir als evangelischem Pfarrer der Gebrauch von weichen Drogen im Gottesdienst aber nun leider nicht erlaubt ist und die klassische Liturgie nur wenig Spielraum lässt, muss ich das Ganze dann eben doch über die Predigt rausreißen. Und tatsächlich gibt es Belege dafür, dass gute Predigten nach wie vor für viele Menschen ein entscheidender Grund für den Besuch eines Gottesdienstes sind.
Nur: Woran erkennt man eine gute Predigt? Vermutlich nicht daran, dass Ilse Schlupp Sonntag für Sonntag am Ausgang der Kirche mit bebender Stimme raunt: »Schön haben Sie gesprochen, Herr Pfarrer!« Aahh … Manchmal stelle ich mir dann vor, wie ich vor Frau Schlupp auf die Knie sinke und sie anflehe: »Bitte, Frau Schlupp, sagen Sie mir einmal – nur ein einziges Mal –, was an meiner Predigt schön war. Was ist es, das Ihnen gutgetan hat? Was hat Sie bewegt? Was haben Sie verstanden? Welches meiner Worte hat Ihre Lebenswirklichkeit getroffen?«
»Ach, du willst doch nur Anerkennung«, sagt Achim, als ich in unserem Männerkreis von Frau Schlupp erzähle. »Vielleicht!«, erwidere ich und gönne mir einen Schluck Merlot. »Vor allem aber kann ich mich als Prediger nur dann entwickeln, wenn mir Menschen offen sagen, was sie anspricht und was nicht. Dann könnte ich in Zukunft so relevant, so lebensnah und mitreißend predigen, dass sich jeder ärgert, der den Gottesdienst verpasst hat.«
»Du musst den Menschen Mut zum Leben machen«, erklärt Jochen und legt dabei den Kopf schräg. »Ja«, fügt Lothar an, »ich möchte in einer Predigt hören, dass ich angenommen und gewollt bin.« Aha. Okay. Ich nicke. »So ein Quatsch«, fährt Klaus dazwischen, »ihr Popen wollte immer, dass euch alle mögen. Aber Jesus hat gesagt: ›Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert.‹ Wobei er sehr deutlich macht, dass es ihm dabei nicht um Krieg, sondern um hitzige Dispute geht. Weil das Evangelium eine ungeheure Sprengkraft hat. Weil es massiv herausfordert.«
Jetzt schaut Klaus lächelnd zu mir: »Mich würde deshalb eher interessieren, wann sich jemand so richtig über eine deiner Predigten aufgeregt hat. Weil sie ihn so getroffen hat. Wann war jemand mal so aufgewühlt, dass er sofort anfangen wollte, mit dir zu streiten? Genau das wäre für mich ein Qualitätsmerkmal einer guten Predigt.«
In diesem Moment habe ich eine grauenhafte Vision: Ich sehe Frau Schlupp vor mir, wie sie mitten in der Predigt getroffen aufspringt, aufgewühlt ihre Handtasche schwingt und dabei laut schreit: »Das stimmt alles gar nicht!« Soll ich mir das wirklich wünschen?
