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»Das Wesentliche ist die Liebe«

Was können die Weisheiten der Weltreligionen schon gegen Neid, Hass und Gewalt ausrichten? Und wer hört und liest sie überhaupt? Fragen an den Herausgeber des neuen Weisheitsletters, der sich eine Welt ohne Religionen gar nicht vorstellen kann - obwohl er ihre Abgründe kennt
von Britta Baas vom 25.05.2012
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Mit Koran und Kreuz auf der Straße: Eine junge Frau demonstriert in Kairo gemeinsam mit Hunderten von Menschen gegen Konfessionalismus und Feindschaft unter den Religionen. (Foto: pa/upi/Hosam /landov)
Mit Koran und Kreuz auf der Straße: Eine junge Frau demonstriert in Kairo gemeinsam mit Hunderten von Menschen gegen Konfessionalismus und Feindschaft unter den Religionen. (Foto: pa/upi/Hosam /landov)

Herr Copray, Sie sind Ideen- und Herausgeber des neuen Weisheitsletters von Publik-Forum. Die Weisheiten der Weltreligionen und was man aus ihnen lernen kann: Das hat Mehrwert für Menschen, die Zeit und Muße zum Philosophieren haben. Die Welt der ägyptischen Bauern und deutschen Hauptschulabsolventen erreichen sie nicht...

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Norbert Copray: Doch, mindestens auf Umwegen. Die Weltreligionen wollen ja vor allem, dass die Menschen ihr Mitgefühl stärken und in Engagement übersetzen, um so dem Nächsten beizustehen und auch sich selbst zu helfen. Diese Bedeutung der Weltreligionen wird oft unterschätzt - oder gleich ganz vergessen. Alle Glaubensstifter wollten im Grunde auf das Wesentliche in der Religion hinweisen, in die sie hineingeboren wurden. Aus diesem Interesse wurden sie zu Reformern - und am Ende zu Stiftern neuer religiöser Ansätze. Das Wesentliche ist die Liebe - zur Natur, zu den Mitgeschöpfen, zu sich selbst. Wer diese Liebe lebt, hat die Weisheiten der Weltreligionen im Prinzip schon verstanden. Ob mit oder ohne Philosophie.

Sie sagen: »Das Wesentliche ist die Liebe.« Wie kommt es dann, dass sich so viele Vertreter großer Weltreligionen so lieblos verhalten?

Copray: Sie haben aus den Religionen Machtinstrumente gemacht. Das ist die fatale Schattenseite der Religionen. Sie eigenen sich gerade deshalb als Instrument zum Machtmissbrauch, weil sie das Herz der Menschen erreichen wollen - und auch tatsächlich erreichen!

Wenn Religion so viel mit Emotion zu tun hat, wäre es dann nicht das Beste, die Religionen aus der Politik herauszuhalten? Sie aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen, damit sie ihr Emotionspotenzial gar nicht erst ausspielen können?

Copray: Ich bevorzuge einen anderen Weg: Die rechtlichen Rahmenbedingungen in einer Gesellschaft müssen idealerweise so sein, dass die Religionen mit sanftem Druck gezwungen werden, das Gute, das in ihnen ist, wirkmächtig werden zu lassen - und die eigenen Schattenseiten anzuschauen. Diese Schattenseiten haben alle Religionen. Sie zeigen sich zum Beispiel in Aufrufen, Krieg zu führen, den Anderen entweder als Ungläubigen oder als Modernitäts-Verweigerer abzukanzeln und ihn der Verachtung preiszugeben. Diese Schattenseiten müssen die Religionen zu überwinden lernen.

Die Religionen müssen auf die Couch des Psychoanalytikers?

Copray: Nein, nicht auf die Couch des Psychoanalytikers! Denn sie haben eigentlich schon alles bei sich und alles in sich, was sie brauchen, um diesen Prozess zu realisieren. Wir haben ja zum Beispiel die Lehrreden des Buddha, die Bergpredigt Jesu, etliche Lehrstücke von Mohammed. Das alles können wir nutzen, damit die Menschen in den Religionsgemeinschaften an sich selbst und im Gespräch miteinander zu arbeiten lernen.

Was will der Weisheitsletter zu diesem Prozess beitragen? Wie viel Wirkung schreibt er sich zu?

Copray: Es geht darum, die Schätze der Weltreligionen zu heben, den Menschen näher zu bringen. Wir, die Autorinnen und Autoren des Letters, wollen dazu beitragen, das, was nicht dem Mitgefühl dient, zu überwinden. Wir spüren in den Religionen auf, was über den Tag hinaus gültig und wertvoll ist, was eine unendliche Bedeutung hat, solange die Menschheit existiert: die emanzipatorische, spirituelle, empathische Seite der Religionen. Natürlich kann man mit einem Weisheitsletter nicht die Welt bewegen. Man kann sich aber durch einen Weisheitsletter lesend bewegen lassen - und sich am Ende selbst bewegen.

Das klingt pfingstlich...

Copray: »Pfingstlich« passt haargenau! Deshalb startet der Weisheitsletter auch zu diesem Fest, an dem der christlichen Überlieferung nach der Heilige Geist in den Menschen fährt. Die Leute machen die Türen auf, wenden sich der Welt zu - und alle Welt versteht sie in ihrer jeweiligen Sprache! Das heißt doch: Wer sich öffnet für Neues, wer sich bewegt und sich anderen zuwendet, wird emotional verstanden. Pfingsten hat das Positive in den Menschen zum Klingen gebracht wie eine gute Weltmusik.

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Personalaudioinformationstext:   Die Weisheiten der Weltreligionen werden ausgewählt und kommentiert von: Karl-Heinz Brodbeck (Buddhismus), Günther B. Ginzel (Judentum), Lamya Kaddor (Islam), Michaela Kaiser (indianische Religion), Martin Kämpchen (Hinduismus), Seyit Dervis Tur (Islam), Paul Weismantel (Christentum), Sylvia Wetzel (Buddhismus) und Norbert Copray. Der Weisheitsletter erscheint immer freitags als E-Mail mit PDF-Anhang und kostet im Jahr 14,90 €.
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