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Defensives Europa

Tore hatten Seltenheitswert bei dieser Fußball-Europameisterschaft. Das Credo der meisten Trainer hieß: Gut verteidigen, den Ball halten. Damit aber fehlte zu oft der Zug nach vorn. Im Fußball spiegelte sich ein verzagtes und mauerndes Europa, das die Freude am fröhlichen, offensiven Dasein verloren zu haben scheint. Wenn wenigstens Frankreich Europameister geworden wäre ...
von Britta Baas vom 11.07.2016
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Die Europameisterschaft ist zu Ende: Torschüsse waren selten. Die meisten Mannschaften setzten auf Verteidigung, die Zuschauer freute es nicht. (Foto: pa/Citypress 24)
Die Europameisterschaft ist zu Ende: Torschüsse waren selten. Die meisten Mannschaften setzten auf Verteidigung, die Zuschauer freute es nicht. (Foto: pa/Citypress 24)

Es wäre ein gutes, die Stimmung hebendes Zeichen gewesen: Wäre die französische Mannschaft Europameister geworden, hätte das Ausrichter-Land dieser EM einen Sieg errungen, der über so manches Dunkel der zurückliegenden Monate hinweg geholfen hätte. Über Anschläge mit vielen Toten, über beängstigend erstarkenden Rechtspopulismus, über Wirtschaftskrise und Kollateralschäden der Arbeitsrechtsreform. Frankreich hätte ein neues Selbstbewusstsein erlangt. Und Selbstbewusstsein macht bekanntlich stark gegen Extremismen aller Art. Ein froh gestimmtes Frankreich wäre auch ein europäischeres Frankreich geworden. Und europäisch gestimmte Länder braucht Europa gerade so dringend wie nur irgend etwas.

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Aber die Stimmung fehlte bei dieser EM. Fast hellseherisch hatte dies der Trainer der türkischen Mannschaft – früh ausgeschieden aus dem Wettbewerb – gleich zu Beginn formuliert. Beim türkischen Spiel gegen Kroatien, das mit einer 0:1-Niederlage der Türken endete, fasste Fatih Terim die Lage so zusammen: »Unser Motto lautet: Es ist nicht vorbei, bis es vorbei ist – aber dafür müssen wir erst mal anfangen!«

Doch mit dem Anfangen haperte es nicht nur bei den Türken. Selbst favorisierte, traditionell starke Mannschaften wie Frankreich, Italien, Deutschland spielten primär Defensivfußball und ließen Mittelfeld und Sturm alt aussehen. Ironie dieses Turniers aus deutscher Sicht: Der mit Abstand beste Mann auf dem Platz, Jerome Boateng, Verteidiger, schoss seines erstes internationales Tor. Wie gesagt: ein Verteidiger. Offenbar ging es ihm vorn nicht gut genug voran.

Und der Europameister? Portugal brachte das Kunststück fertig, als Gruppendritter mal so eben weiterzukommen, während der gesamten EM kaum Tore zu schießen – und sich am Ende mit viel Glück gegen die Franzosen mit einem 1:0 in der zweiten Hälfte der Verlängerung zu behaupten. Ein mitreißendes Endspiel sieht anders aus.

Inspirierend waren nur kleine Mannschaften: Wales und Island kamen, entgegen aller Prognosen, weit. Sie spielten mit Feuer und dem Mut derer, die nichts zu verlieren haben. Aber sie zeigten noch mehr Eigenschaften, die es braucht, um weiterzukommen: Teamgeist, Entschlossenheit, Spielwitz. Und eine ruhig anmutende, aber explosive Geistigkeit. Fast könnte man diese Haltung Achtsamkeit nennen. Nichts Fahriges, nichts Verzagtes zerstörte ihr Spiel. Sie blieben bei sich – und gaben sich hin.

Glaubt Europa noch an sich selbst? Wer es in dieser Fußball-EM spiegelt, hat keinen guten Eindruck. Es wird gemauert, gelauert und mit offensivem Spiel gegeizt. Hoffentlich bleibt das nicht so. Ich möchte wieder ehrlich begeistert sein – vom Fußball. Und von Europa. Aber wie sagte doch Fatih Terim: »Dafür müssen wir erst mal anfangen.«

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Personalaudioinformationstext:   Britta Baas, Historikerin und Theologin, leitet das Ressort Publik-Forum.de. Sie ist Fußballfan und spielte in ihrer Jugend selbst auf dem Platz. Subalterne Liga.
Schlagwort: Frankreich
Publik-Forum
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