Die Sache mit dem Kanu
Wenn wir gefragt werden: »Wie plant ihr eure Strecke von Frankfurt nach Teheran?«, antworten wir meist ausweichend. Wir müssen schauen, wo die Straßen am besten sind, wo die wenigsten Lastwagen fahren. Wir fragen die Einheimischen…
Zwar stimmt das alles, in Wahrheit aber planen wir unsere Strecken oft wie Kinder, die über eine Sommerwiese tollen, um Schmetterlinge zu fangen: Lass uns zum Plattensee fahren! Schau, Osijek ist nicht mehr weit! Warst du schon mal in Serbien? Ruckzuck haben wir ein paar Hundert Kilometer Umweg in den Beinen und sind Tage und Wochen in einem Land, das wir eigentlich mit einer Übernachtung durchqueren wollten.
In Kroatien – an der schmalsten Stelle zwischen Ungarn und Bosnien nur 70 Kilometer breit – waren wir über vier Wochen. Einer der Schmetterlinge, dem wir dort nachjagten, war die Sache mit dem Kanufahren.
Schwarzstörche und Seeadler am Himmel
In Nordostkroatien nämlich mündet die Drau, der wir bis dahin gefolgt waren, in die Donau. Auf einer Fläche so groß wie Nürnberg durchweichen Altarme, Flüsse und Seen die Wälder und Wiesen und machen sie zu einem der größten Sumpfgebiete Europas, dem Naturpark Kopacki Rit. In den Bäumen hocken Kormoran-Kolonien, über die Wiesen fliegen die sonst seltenen Schwarzstörche in Scharen und über ihnen kreisen Seeadler. Wie schön wäre es, diese Landschaft vom Wasser aus zu erkunden!
Tatsächlich bietet die Parkverwaltung Kanutouren an. Weil man nicht alleine fahren darf, buchen wir eine vierstündige Tour. Doch als wir am Steg stehen, hat unser Guide nur zwei Stunden Zeit. Und er wundert sich über unsere Wahl: »Kanufahren ist doch so langsam und anstrengend!« Mit dem Motorbootfahren ginge es schneller. Als sich herausstellt, dass er außerdem nicht mit uns im Kanu sitzen, sondern im Motorboot hinter uns her tuckern würde, kapitulieren wir, und nehmen direkt sein Boot. Auf einen lustlosen Kanu-Guide im Nacken haben wir keine Lust.
Wie befürchtet ist der Motor so laut, dass die Vögel Reißaus nehmen, sobald wir sie entdecken. Die einsame Sumpflandschaft rauscht vorbei. »Dort ein Seeadler!«, sagt der Guide. Wir sehen einen braunen Punkt in der Ferne zirkeln.
In der nächsten Woche fahren wir auf der Suche nach Kanus die Gegend mit dem Rad ab. Kroatische Freunde helfen uns, jeden Ruderclub dort anzurufen und anzuschreiben. Aber kein Erfolg: Wasserstand zu niedrig, kein Verleih mehr, heißt es. Oder es kommt gar keine Antwort. Wir beschließen, den Schmetterling fliegen zu lassen.
Aber wenigstens wollen wir noch eine Nacht auf einem Campingplatz am Rit verbringen, um bei Sonnenaufgang die Vögel zu beobachten. Und dann entdecken wir: Auf dem Campingplatz liegen Kanus herum! Können wir die leihen? Klar, sagt der Chef. Normalerweise interessiere sich niemand dafür. »In diesem Jahr bin nur ich damit gefahren.« Er freut sich so sehr, dass er uns zu einem langen Schnaps-, Bier- und Weinabend einlädt.
Andere Touristen winken ab: Keine Zeit fürs Kanufahren
Auf dem Campingplatz treffen wir andere Radfahrer. Sie kommen aus Österreich, England, Bamberg und Stuttgart und fahren nach Belgrad, Istanbul und Nepal. Jeder ist alleine unterwegs. Und alle sind nur für eine Nacht hier. Wir schwärmen ihnen vom Kopacki Rit vor, von den Silberweiden, die sich im Wasser spiegeln. Von den Schwarzstörchen und Adlern. Toll, sagen sie. Aber für einen Tag Kanufahren fehlt ihnen die Zeit. Der Österreicher überlegt am Längsten, aber dann sagt er: Nein, das bringt meinen Plan durcheinander.
Also fahren wir allein. Ins eigentliche Rit dürfen wir nicht, weil das die Parkverwaltung verbietet, aber auf einen Altarm der Drau. Dort gleiten wir auf die Graureiher zu, die im Uferwasser stehen. Anfangs sind wir noch zu ungeschickt, aber es gibt so viele Reiher, dass wir genug Gelegenheit zum Üben haben, und schließlich auf wenige Meter an sie herankommen. Frösche springen, aufgeschreckt vom Paddel, von Seerosenblatt zu Seerosenblatt. Die Suche nach den Kanus hat sich gelohnt, denken wir. Wie sehr das stimmt, merken wir allerdings erst, als wir mit den Rädern weiterfahren.
Eigentlich müssten wir jetzt wieder auf die Landstraße zu den Lastwagen, aber auf der Karte haben wir gesehen, dass eine Bahntrasse durch das Rit führt. Und von unseren Erkundungen wissen wir: Die gibt es gar nicht mehr. Bloß ein Damm verläuft dort.
Ein allzufestes Ziel ist manchmal hinderlich
So können wir trockenen Reifens durch sumpfige Wiesen und Wäldern radeln. Schranken verhindern, dass Autos den Weg nutzen, und weil er in der Karte nicht eingetragen ist, sind auch keine Radfahrer hier. Trotzdem sind wir nicht allein: Der Gegenwind trägt unseren Geruch davon und so treffen wir immer wieder auf Wildschweinrotten mit Frischlingen. Mehr als einmal brechen sie kurz vor oder hinter uns aus dem hohen Gras. Weil wir nicht wissen, ob wir schneller radeln können, als ein aufgebrachtes Mutterschwein rennen kann, klingeln wir, wenn das Gelände zu unübersichtlich wird. Eine Familie Schweine müssen wir mit lauten Rufen vom Weg vertreiben.
Auch die Rehe riechen uns nicht. Ein paar Mal sehen wir zwanzig, dreißig Tiere, die am Hang neben dem Damm grasen. Einmal können wir uns einem Reh bis auf zehn Meter nähern. Als es uns entdeckt, schaut es uns lange und regungslos an. Es ist nicht gewohnt, den Weg mit Menschen zu teilen. Wie auch? Kaum einer kommt hier vorbei. Denn mit einem klaren Ziel vor Augen, kann man diesen Sumpf mit seiner üppigen Tierwelt leicht übersehen.
Ein weiterer Teil des Reisetagebuchs von Christoph Borgans und Katharina Müller-Güldemeister ist in Publik-Forum 17/2016 erschienen: »Im Schlafzimmer von Ivo und Marija«
